Mareike Donath: 
Ich habe heute zu Gast: Dr. Konrad Jagusch vom Fraunhofer-Institut in Rostock, zuständig für die Produktionstechnik in Großstrukturen. Und du bist dort, jetzt darf ich ablesen, weil es neu ist: Gruppenleiter für Produktionsplanung und -steuerung sowie Gruppenleiter für Fabrik- und Arbeitsorganisation. Wir haben uns im Vorfeld auf das „Du“ geeinigt. Herzlich willkommen hier, Konrad, beim Podcast von „digitales MV“. Und jetzt wollen wir wissen: Was macht man als Gruppenleiter für die beiden Bereiche?

Dr. Konrad Jagusch:
Dankeschön. Danke, dass ich hier sein darf. Genau. Wir im Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik kümmern uns vorrangig um, wie der Name schon sagt, große Strukturen. Das heißt, in der Fraunhofer-Welt sind wir dafür zuständig, für Offshore-, Onshore-Bereiche die produktionstechnischen Belange zu optimieren. Da haben wir...

Mareike Donath: 
Also Offshore, Onshore heißt auf See, an Land...

Dr. Konrad Jagusch:
Genau. In der Windenergie, im Windenergiebereich, aber auch natürlich Schiffe sind ein großes Thema bei uns, aber auch Flugzeuge, Schienenverkehr. Also alles, was wirklich groß ist und gebaut werden muss. Die maritime Lage ist natürlich prädestiniert dafür, Werften zu optimieren. Aber wir kümmern uns natürlich auch um die Digitalisierung, Optimierung von kleinen Handwerksbetrieben, produzierendem Gewerbe, Dienstleistung. Aber immer im Kontext der Produktion.

Mareike Donath: 
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Wie muss man sich das vorstellen?

Dr. Konrad Jagusch:
Sehr bunt. Gerade in der angewandten Forschung haben wir das Ziel, industrie-relevant zu sein. Das heißt, wir machen nicht nur große Forschungsprojekte, sondern auch mal kleinere Projekte. Wie gesagt, auch der kleine Handwerker kann zu uns kommen, wenn er etwas optimiert haben möchte, wenn er eine Studie haben möchte, irgendwas analysiert haben möchte. Wir machen natürlich auch große Forschungsprojekte mit verschiedenen Partnern, auch mit anderen Instituten zusammen.

Und der Arbeitsalltag sieht so aus, dass wir versuchen, natürlich erst mal Partner zu gewinnen. Dass wir Partner davon überzeugen, dass wir gute Arbeit leisten, dass wir helfen können, unterstützen können. Das ist auch nicht immer leicht. Gerade im Bereich der Digitalisierung, im Zusammenhang mit der Produktion. Die wollen was schaffen, wertschöpfend sein, schweißen. Und wenn wir dann es geschafft haben, davon zu überzeugen, dass wir unterstützen können, dann geht es natürlich dann in die Ausarbeitung der Projekte und letztendlich auch um die Zielerreichung.

Mareike Donath: 
Wie muss man sich das vorstellen? Ruft jetzt der Handwerker bei euch an und sagt: „So, Konrad, ich möchte mich digital aufstellen. Was geht so alles?“ Oder wie... welche Bedarfe oder wie werden die an euch herangetragen?

Dr. Konrad Jagusch:
Komplett unterschiedlich. Also so bunt wie unser Alltag ist auch die Akquisetätigkeit. Es kann wirklich sein, dass ein Handwerker mal diesen Podcast gehört hat und sagt: „Warum nicht? Verlieren kann man nichts.“ Wir organisieren verschiedenste Workshops, wir organisieren verschiedenste Netzwerkveranstaltungen, aber auch tatsächlich Kaltakquise, dass wir mal denken, warum hat derjenige noch nicht mit uns zusammengearbeitet? Das ist doch genau unser Bereich.

Wir leben ganz stark davon, dass wir gute Werbung mit unserer guten Arbeit machen. Das heißt, die Handwerker kennen sich untereinander, die Produktionsbetriebe kennen sich untereinander. Wenn eine Werft zufrieden ist, wird die nächste wahrscheinlich auch zufrieden sein. Und die kennen sich tatsächlich auch alle. Und gerade in Mecklenburg-Vorpommern ist das natürlich Gold wert, wenn man, wie gesagt, Mund-zu-Mund-Propaganda ist da das Mittel der Wahl. Können wir nicht immer beeinflussen, außer natürlich indirekt durch gute Arbeit.

Mareike Donath: 
Kannst du das so sagen, mit wie viel Unternehmen ihr zusammenarbeitet in Mecklenburg-Vorpommern?

Dr. Konrad Jagusch:
Das ist schwer. Ich hatte mal gesehen 600 Projekte, so von klein bis groß, in den wahrscheinlich dann so ein, zwei Jahren, die da zusammenkommen. Wie viele verschiedene Unternehmen kann ich nicht sagen, weil wir auch sehr, sehr breit aufgestellt sind. Aber tatsächlich ist, was ich weiß, dass es sehr bunt ist, also wirklich vom kleinen Handwerker, der Gerüste irgendwo aufstellt bis hin zur großen Werft, wo wir versuchen, die Strukturen zu planen, die ganzen Prozesse zu optimieren, Abläufe zu organisieren.

Mareike Donath: 
Was hast du gerade auf dem Tisch für ein Projekt?

Dr. Konrad Jagusch:
Dadurch, dass ich Gruppenleiter bin, sozusagen alle, die in der Gruppe oder in den beiden Gruppen laufen. Das ist beispielsweise eine Neustrukturierung von Fabriken, wie der Name schon sagt, also wo wir auch sehr stark digital unterwegs sind und da versuchen objektiv zu bewerten, was das Beste ist, wie die Struktur aufgebaut werden muss. Wir haben ein Projekt, wo wir über Bilderkennung, beispielsweise einem produzierenden Unternehmen helfen, Bauteile zu erkennen und die dann entsprechend richtig zu packen. Also das heißt, dem Mitarbeiter und der Mitarbeiterin
ein Assistenzsystem an die Hand zu geben. Wir haben Projekte in der Pipeline, wo beispielsweise der humanoide Roboter eingesetzt werden soll, den wir ja jetzt neu am Institut haben. Den hast du ja dann gesehen, bei den Partnertagen.

Mareike Donath: 
Ganz genau.

Dr. Konrad Jagusch:
Genau, aber letztendlich fast immer und alle Projekte haben mit Digitalisierung zu tun.

Mareike Donath: 
Wir gucken mal rein in ein Projekt. Übrigens, den humanoiden Roboter. Hoffentlich sehen wir den bei der NØRD?

Dr. Konrad Jagusch:
Bestimmt.

Mareike Donath: 
Nächstes Jahr? Sehr gut. Dann haben die Zuhörer- und Zuschauer:innen das schon mal gehört. Es ist total spannend, was tatsächlich der Roboter schon kann, wie er funktioniert, aber auch wie viel Programmierarbeit eigentlich drin steckt, damit er stabil stehen kann, wenn man ihn aufhält und, und, und... Das sind Dinge, die man sich so gar nicht vorstellen kann. Als Laie denkt man, es muss doch alles ganz einfach gehen. Ist ja unglaublich, wie viel Wissen und Arbeit da drin steckt. Wir kommen gleich zu dem Roboter noch mal. Wir schauen in das Projekt rein. Sagst du, du planst gerade eine Fabrik, darfst du drüber sprechen, welche Fabrik das ist? Oder in der Art, welche Art das ist? Wie muss man sich das vorstellen? Gehst du da hin und guckst die Fabrik an und: „Wie kann man jetzt das alles verbessern?“ Oder welchen Umfang muss man sich vorstellen, wenn ihr da an so einem Projekt arbeitet?

Dr. Konrad Jagusch:
Tatsächlich sind es verschiedene Projekte, wo wir gerade so strukturell unterstützen, das Ganze aufzubauen. Teilweise sind es Direktaufträge, teilweise sind wir da in der Anbahnung von Forschungsprojekten, haben jetzt zwei Projekte abgeschlossen mit kleineren Unternehmen. Wie muss man sich das vorstellen? Tatsächlich, die Vorgespräche sind da meistens erst mal per Videomeeting, damit da nicht so viele Aufwände entstehen. Man klopft ab, was einen da so erwartet vor Ort.

Aber letztendlich bedeutet angewandte Forschung immer, in der Praxis tätig zu werden. Also wirklich da, wo das dann nachher passiert, das Ganze. Also, ob das die logistischen Prozesse sind oder die Produktionsprozesse. Das heißt, wir müssen vor Ort sein. Wir nehmen dann Daten auf, wir sprechen mit den Mitarbeitenden. Das ist ganz, ganz wichtig. Einfach, weil die die meiste Erfahrung haben, wie es im Unternehmen läuft und was vielleicht auch nicht läuft. Und wir versuchen dann, von außen die Expertise reinzubringen, die Fachkompetenz und anhand der Datenlage dann entsprechend zu optimieren. Letztendlich, ja müssen wir danach...

Mareike Donath: 
Was heißt optimieren? Ihr bringt Sensoren an, ihr erfasst Prozesse, versucht das dann zu optimieren oder was heißt das genau dann zu optimieren?

Dr. Konrad Jagusch:
In der Analyse, also in der Fabrikplanung, Fabrikorganisation nehmen wir auch tatsächlich Sensoren, um Daten zu erfassen. Wie sind dann die Abläufe? Wo fährt der Gabelstapler lang? Wie oft ist dann die Fläche wirklich belegt?“ Weil, wenn man da keine Daten hat, dann ist das meistens Bauchgefühl oder nur anhand der Erfahrung der Einzelnen. Und so können wir das nachweisen. Und dann können wir beispielsweise sagen: Wo sind die Engpässe? Wo benötigt man noch Flächen? Wo benötigt man vielleicht noch einen Gabelstapler? Und das sind dann so Kenntnisse, die wir gewinnen und ableiten. Das ist in der Fabrikplanung und dann versuchen wir natürlich auch in der operativen entsprechend dann zu unterstützen.

Mareike Donath: 
Die Menschen sind ja da vor Ort. Oder die dort arbeiten, wissen ja eigentlich auch, ob sie was brauchen oder nicht. Wie sind die Gespräche? Ich kann mir auch gut vorstellen. „Es ist schön, wenn ihr das alles erfasst und optimiert. Das hätte ich dir auch so sagen können.“ Wie ist die Resonanz der Mitarbeitenden?

Dr. Konrad Jagusch:
Wir haben die Erfahrung gemacht: Wir müssen immer das Personal mitnehmen. Egal, ob das nachher in der Arbeitsvorbereitung ist oder wirklich der Schweißer, weil, die müssen das nachher ausbaden, was wir uns ausdenken oder was der Geschäftsführer gerne hätte. Oder die Geschäftsführerin. Und deshalb ist es ganz, ganz wichtig, erst mal offen zu kommunizieren: Was haben wir vor? Viele haben auch noch die Angst, wenn Digitalisierung im Raum steht – Robotik, Automatisierung – dass sie ersetzt werden. Ist absolut nicht mehr der Fall, weil wir tatsächlich einen Fachkräftemangel haben. Den beobachten wir als Fraunhofer.

Aber auch die Unternehmen teilen uns das mit. Das heißt, wir wollen produktiver werden, wir wollen die Qualität beibehalten, wir wollen die Mitarbeitenden eher entlasten und nicht ersetzen. Und die Resonanz ist ganz unterschiedlich. Aber was wir sagen können: Zum Schluss der Projekte sind die dann doch eher dafür, weil sie merken: „Okay, das kann ja doch einfacher werden.“ Oder: „Ich habe es euch gesagt.“ Und mit der Bestätigung fühlen die sich dann auch noch mal bestätigt. Weil, das ist ganz, ganz wichtig: Bauchgefühl mit Daten noch mal zu bestätigen oder zu sagen: „Vielleicht lag man auch doch ein bisschen daneben oder vielleicht auch ganz weit.“ Je nachdem...

Mareike Donath: 
Die Bedarfe, die an euch herangetragen werden seitens der Unternehmer. Fachkräftemangel habe ich schon gehört, sicherlich sind es Kosten, ein Kostendruck, der da zu bewältigen ist. Welche weiteren Faktoren gibt es oder was sind die größten Needs der Unternehmen, die euch anrufen und sagen: „Wir brauchen eure Unterstützung.“

Dr. Konrad Jagusch:
Richtig erkannt: Kosten. Und das Ganze kann man dann runterbrechen auf die Kosten, aber es geht los mit Durchlaufzeiten, Erhöhung der Wertschöpfung, also Reduzierung der Nebentätigkeiten. Ich möchte nicht abgelenkt werden, ich möchte nicht etwas suchen. Ich möchte nicht nachfragen, sondern als Mitarbeiter und Mitarbeiterin in der Feldebene. Also da, wo wirklich dann die Produktion passiert, da möchte ich schaffen. Und das sind dann die Bedarfe, die geäußert werden.

Und Mecklenburg-Vorpommern, aber auch Deutschland insgesamt, ist im globalen Wettbewerb, also es gibt überall auf der Welt andere produzierende Unternehmen. Mecklenburg-Vorpommern hat sich darauf spezialisiert, Kunden-individuell zu produzieren. Also wir haben auch Serienfertigung in Mecklenburg-Vorpommern, aber die Massenfertigung ist dann hier nicht. Und immer, wenn der Mensch eine große Rolle spielt, was er ja in Mecklenburg-Vorpommern tut, auch im Produktionskontext, spielen Personalkosten eine große Rolle, Energiekosten. Und das versuchen wir dann entsprechend zu unterstützen. Wie gesagt, die Nebentätigkeiten zu reduzieren, die Effizienz zu erhöhen und dass der Geschäftsführer und die Geschäftsführerin nachher wirklich Kosten einspart und nicht am Menschen, sondern am Prozess als solches.

Und das sind dann auch die Punkte, die wir betrachten und die Kennzahlen oder beziehungsweise die Eigenschaften, die man da entsprechend adressiert, das sind dann ja, wie gesagt Durchlaufzeiten, Liegezeiten reduzieren, nicht so viel Bestand in der Produktion haben, sondern wirklich nur das Material, was man dann zu der Zeit braucht. Alles ein bisschen schlank gehalten.

Mareike Donath: 
Dann komme ich wieder auf die humanoiden Roboter zu sprechen. Die sind im Einsatz, testweise glaube ich, oder schon im realen Umfeld: in Stralsund. Meine ich, wenn ich das beim letzten Partnertag richtig gesehen habe, die dann tatsächlich, wo versucht wird: Wie können die über die Bleche kommen und die Unebenheiten innerhalb der Fabrikhalle. Wird das viel schon nachgefragt,
auch in solchen Gesprächen? Wie sieht’s aus? Könnt ihr einen Roboter hinstellen, der uns ein bisschen die Arbeit erleichtert, die Farbeimer bringt oder was auch immer?

Dr. Konrad Jagusch:
Wir haben die Möglichkeit, solche neuen Technologien zu testen. Das haben Unternehmen teilweise nicht. Manche machen es. Die großen, vor allem aber die kleineren, haben natürlich nicht das Geld, die Zeit, die Fachkompetenz. Deshalb können wir gucken: „Okay, was kann man damit überhaupt machen?“ Wir sind aber Freunde davon, in der angewandten Forschung immer von der Problemstellung zu kommen. Das heißt, wenn jemand kommt und sagt ja, könnt ihr mir einen humanoiden Roboter hinstellen, sagen wir: „Könnten wir, aber wollen wir uns nicht erst mal angucken,
wo das Sinn ergibt?“ Oder vielleicht hapert es ja an einer anderen Stelle? Oder vielleicht können wir etwas anderes optimieren, damit der humanoide Roboter dann wirklich zum Einsatz kommen kann. Genau, der Roboterhund läuft über Bleche. Wir gucken: Wo scheitert er? Wo kann ich ihn aber sehr gut einsetzen.

Die humanoide Robotik, du sprichst auf die Partnertage und den Roboter an, der wirklich menschenähnlich aussieht und sich bewegt. Der ist beispielsweise in Rövershagen bei Karl’s im Einsatz. Da wird jetzt getestet, erstmal im Labor, um ihn dann ins Feld zu bekommen. Passt jetzt hier sehr gut. Und da schauen wir auch: „Wo sind denn die Grenzen? Was müssen wir machen?“ Die Regelungstechnik, die du angesprochen hast, ist wirklich beeindruckend. Wir vom Fraunhofer sind jetzt aber dafür verantwortlich: Wie bekommen wir das denn in den Prozess? Wie können wir diese Technologie, die sehr beeindruckend ist, wirklich auch gewinnbringend und gewinnmaximierend einsetzen? Damit es auch unterstützt und hilft. Klar kommen Unternehmen zu uns und sagen: „Ja, jetzt möchte ich was mit KI machen, jetzt was mit Robotik.“ Und wir sagen dann: „Okay, nee, dann lasst uns erst mal analysieren und schauen, ob das denn wirklich die Technologie ist, die euch hilft.“

Mareike Donath: 
Wir waren ganz begeistert, als wir die Roboter kennenlernen durften. Ob Hund, ob Mensch. Wie reagieren die Mitarbeiter darauf, wenn ihr mit den Robotern testweise im Einsatz seid, vor Ort?

Dr. Konrad Jagusch:
Die Roboter strahlen natürlich eine Faszination aus. Auf alle, die da kommen, weil ganz oft sind es ja dann doch Leute mit technischem Hintergrund. Ob das aus der Produktionsstätte, aus der Werft oder der Handwerker ist. Die finden den immer ganz beeindruckend. Tatsächlich wurde neulich auch geäußert: „Ja, ein bisschen Angst macht er auch.” Weil dieses Menschliche ist natürlich ungewohnt, dass da auf einmal ein Roboter, ein mechanisches System vor ihm steht, und der macht einen nicht nach, aber er bewegt sich so ähnlich. Genauso wie der Hund, der dann die Bewegung eines Hundes nachahmt, aber dann doch nicht so richtig. Aber letztendlich bleibt das im Kopf. Die Gespräche führen wir dann auch. Und wir müssen da natürlich auch aufpassen, dass die vorgelagerten Tätigkeiten, die da so unfassbar wichtig sind, dass wir die dann auch betrachten und nicht nur dieser Roboter im Kopf bleibt und jetzt die Leute nach Hause gehen und gucken, wo man den am besten einsetzen kann. Das hilft uns, das ist gut.

Aber man muss auch ganz viel Vorarbeit leisten, damit das überhaupt passiert. Und was ich damit meine ist, dass wenn ich analog unterwegs bin, meine Aufträge per Zettel nach unten gehe in die Produktion. Ist es schwierig, da einen Roboter einzusetzen, weil der muss wissen, was er machen soll. Und das funktioniert nicht auf Zuruf, auch wenn er eine Spracherkennung hat. Da muss der ganze Prozess digitalisiert sein, da muss schon die Umgebung entsprechend auf diesen Roboter irgendwo angepasst werden. Und da ist es dann wichtig, dass man das Vorgelagerte und Nachgelagerte sich dann auch anguckt. Aber ja, letztendlich: Die Begeisterung ist groß und natürlich auch teilweise die Vorfreude, wenn sie wissen: „Okay, jetzt gehen die Projekte los, mit der neuen Technologie.“

Mareike Donath: 
Wie lange muss man sich so eine Projektdauer vorstellen? Genau, was du gerade gesagt hast: Die Daten zu erfassen, die Prozesse zu verstehen, sich mit den Menschen zu verständigen, die dort arbeiten, sich gut auskennen. Wie lange dauert so etwas, dass ihr kommt, das testet und möglicherweise dann bestimmte Produkte eingesetzt werden im Unternehmen.

Dr. Konrad Jagusch:
Salopp gesagt, für viele zu lange, die Projekte. Die wollen natürlich heute starten oder gestern schon. Letztendlich, wir am Fraunhofer IGP haben Projekte von einer Woche, zwei Wochen. Da heißt es heute: „Wir müssen loslegen und in zwei Wochen brauche ich das Ergebnis.“ Weil Entscheidungen ausstehen oder weil schnell reagiert werden muss. Auch die Unternehmen müssen schnell reagieren, teilweise, weil der Kunde etwas angefragt hat. Und dann versuchen wir, so flexibel, dynamisch wie möglich das Ganze abzubilden. Wir haben aber auch Projekte, die vier Jahre gehen. Darüber hinaus eher nicht, weil angewandte Forschung heißt, wir möchten jetzt ein Problem lösen. Nicht wie in der Grundlagenforschung: „Was könnte in 10, 15, 20 Jahren, wie könnte da die Welt aussehen?“

Und deshalb ist es auch genauso, wie unsere Kunden, genauso wie unsere Arbeit auch da sehr bunt und vielfältig. Also wirklich, ich würde sagen, von einer Woche bis vier Jahren decken wir alles ab. In der Regel würde ich aber sagen 1 bis 2 Jahre. Man muss aber auch dazu sagen, viele glauben: „Oh, zwei Jahre und ich brauche aber jetzt eine Lösung.“ Nach zwei Jahren wollen wir fertig sein. Und wir versuchen natürlich aber auch so schnell wie möglich einen Prototyp, ein Konzept, etwas Handhabbares oder etwas an die Hand zu geben. Und allein nach der Analyse werden die Unternehmen auch schon wieder schlauer, können vielleicht auch selber damit weiterarbeiten. Dann müssen wir ja nicht immer alles machen, sondern wir konzentrieren uns auf den Bereich. Und mit der Analyse können die dann auch schon Parallelstränge aufmachen und da entsprechend optimieren.

Mareike Donath: 
Ich kann mir vorstellen, habt ihr schon ganz viel Erfahrungswissen, das heißt, bestimmte Ähnlichkeiten sind ja da. Man erfindet ja das Fahrrad sozusagen ja nicht immer wieder neu, richtig?

Dr. Konrad Jagusch:
Ja, obwohl wir in der Forschung schon gerne immer etwas Neues machen. Aber du hast natürlich recht, Erfahrung ist da. Wenn wir auf etwas aufbauen können, versuchen wir das natürlich. Wir versuchen auch immer weiterzuentwickeln. Also jedes Mal das Rad neu zu erfinden ist natürlich nicht effizient und zielführend. Wenn es aber etwas auf dem Markt gibt, was man einsetzen könnte, dann sagen wir das auch offen und ehrlich, aber...

Mareike Donath: 
Dann wärt ihr quasi raus. Dann sagt ihr: „Das Produkt gibt es schon.“ Fertig.

Dr. Konrad Jagusch:
Dann unterstützen wir vielleicht bei der Recherche, bei der Implementierung, weil wir vielleicht mehr die Fachsprache „Digitalisierung, Robotik“ sprechen als die Unternehmen, die es gerade brauchen. Dann sind wir aber mehr oder minder raus. Wir möchten ein Delta schaffen zu dem, was es noch nicht gibt zum Stand der Technik immer ein Stück draufsetzen.

Mareike Donath: 
Wird das Ganze unterstützt, gefördert?

Dr. Konrad Jagusch:
Ja, also wie gesagt, Fraunhofer muss nachweisen, wir sind industrierelevant. Das heißt, wir wollen, dass Unternehmen uns auch direkt beauftragen für Analysen, Konzeptarbeit, aber auch die Umsetzung, damit sie einfach keine Anträge schreiben müssen, damit das auch nicht veröffentlicht wird. Beispielsweise, wenn da wirklich einer sagt: „Nee, das möchte ich als Wettbewerbsvorteil haben.“ Wir werden aber natürlich auch unterstützt vom Land, Bund, wir schreiben verschiedenste Anträge in den verschiedensten Fördermöglichkeiten, die wir da...

Mareike Donath: 
Das heißt, Unternehmen erhalten auch dann eine Unterstützung, wenn sie mit euch zusammenarbeiten?

Dr. Konrad Jagusch:
Ja. Auf jeden Fall. Da gibt es verschiedenste Modelle. Also, das würde jetzt zu weit führen, aber von aktiver Forschungsarbeit bis hin zu: Sie partizipieren nur von unserer Arbeit, sind aber nicht direkt gefördert. Direkte Förderung gibt es natürlich auch im Land sehr lohnenswerte Förderprogramme, gerade für kleine und mittlere. Also das funktioniert auch sehr gut.

Mareike Donath: 
Also dürfen sich unsere Zuhörer:innen und Zuschauer:innen ans IGP wenden für Fragen.

Dr. Konrad Jagusch:
Sehr gerne, dafür sind wir da. So ist es gemeint.

Mareike Donath: 
Wie viele Team Members verantwortest du als Gruppenleiter oder für die beiden Bereiche?

Dr. Konrad Jagusch:
Insgesamt zehn, plus noch verschiedene studentische Hilfskräfte. Die werden dann aber wiederum von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern betreut. Genau. Und wir sind ja sozusagen ein Ausbildungsverein, Forschungseinrichtungen, das heißt, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kommen frisch von der Uni meistens. Es gibt da natürlich auch welche mit Erfahrung schon oder mit einer Ausbildung oder die aus der Industrie wieder zu uns kommen und dann noch mal in die Forschung reinmöchten. Und mit der Dissertation können sie dann noch ein wenig bei uns weiterforschen, sollen dann aber auch in die Industrie, um dann wiederum mit uns Forschungsprojekte zu machen. Weil, wer zufrieden ist mit der Arbeit bei uns, macht auch gerne wieder Forschungsarbeit zusammen mit den Unternehmen und so funktioniert das dann.

Mareike Donath: 
Konrad, wie bist du selber dahin gekommen? Wie war dein Weg?

Dr. Konrad Jagusch:
So ähnlich. Ich habe meine studentischen Arbeiten dort geschrieben, also Bachelorarbeit, Masterarbeit. Habe nebenbei einen studentischen Job da gemacht, also als studentische Hilfskraft. Das Gute da ist, dass man wirklich an der Projektarbeit beteiligt ist, in den Laboren Analysen fährt, den Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin unterstützt. Dann wurde eine Stelle vakant. Da habe ich mich drauf beworben, habe dann Projekte bearbeitet, wurde dann Gruppenleiter und dann habe ich noch nebenbei die Dissertation geschrieben. So sollte es dann auch sein.

Mareike Donath: 
Für uns oder für viele ist das Thema Digitalisierung eher ein neueres Thema, wenn man sich auf die letzten Jahre bezieht. Ihr arbeitet ja schon unheimlich lange daran. Deine Einschätzung oder dein Eindruck ist: „Mensch, ist ja schön, dass endlich mal alle aufwachen.“ Wie sieht es aus? Oder sagst du, das ist tatsächlich, dass wir das auch wirklich spüren, dass da noch mal eine andere Dynamik durch die Technologiebereitstellung auch für jeden einzelnen vor Ort, mit seinem PC, mit seinem Handy. Da ist so vieles heutzutage machbar, was man nutzen kann an Tools und Technik und was wie gesagt für jedermann gebräuchlich ist. Merkt ihr den Schub auch, das noch mal ein neuer Impuls für euch gekommen ist als Institut?

Dr. Konrad Jagusch:
Definitiv, also es ist sehr heterogen, wie die Unternehmen aufgestellt sind. Also von durchdigitalisiert, weil der Geschäftsführer oder die Geschäftsführerin Lust drauf hat beziehungsweise die Vorteile erkannt hat. Also nicht Lust, sondern einfach die Notwendigkeit erkannt hat. Was wir auch sehen ist, die Akzeptanz ist mittlerweile da. Als ich angefangen habe, war es immer so ein Akzeptanzproblem: „Nee, ich möchte schweißen, ich möchte nicht am Handy hängen ich möchte nicht irgendwas digital haben, ich möchte was in der Hand haben.“ Das begegnet uns immer noch, klar.

Die große Aufgabe, Daten überhaupt zu erfassen, ist auch nach wie vor ein großes Thema. Haben auch noch nicht alle Unternehmen flächendeckend eingesetzt. Überhaupt nicht. Also es geht noch mehr. Wir sehen aber, dass die Unternehmen erkannt haben, dass es eine Chance ist, beziehungsweise eher noch eine Notwendigkeit, dass man eben Prozesse digital abbilden muss, nicht zuletzt durch die digitale Rechnung. Damit mussten die sich jetzt auseinandersetzen. Aber auch, wie du sagst: Die Technologie ist mittlerweile so reif, dass fast jeder in der Lage ist ein Smartphone zu bedienen, dass Sachen so einfacher runtergebrochen werden können, dass es trotzdem einen Mehrwert bietet, ohne dass ich großartig Programmierkenntnisse haben muss. Auch in der Robotik beispielsweise. Und dennoch gibt es ganz, ganz viel zu tun. Definitiv.

Mareike Donath: 
Welchen Rat würdest du heute an Unternehmen geben, um das zu nutzen? Wir reden ja ganz viel von: „Die Chance des digitalen Wandels zu nutzen.“ Welche Empfehlung würdest du an Unternehmen heute geben?

Dr. Konrad Jagusch:
Anfangen oder weitermachen. Nur, weil ich einmal digitalisiert habe, heißt das nicht, dass es zu Ende ist. Also aus meiner Sicht: Digitalisierung wird auch in den nächsten 10, 20 Jahren nicht zu Ende sein. Also, es geht immer weiter. Man kann immer optimieren, man kann immer mehr Erkenntnisse daraus ziehen. Man sieht es ja auch. Künstliche Intelligenz hat unseren Alltag tatsächlich teilweise geändert, beeinflusst nach wie vor. Wir müssen uns jetzt mit anderen Sachen wieder auseinandersetzen, die wir vorher gar nicht so präsent hatten und anfangen, weil es ist nicht zu spät. Und wenn ich sage: „Heute wollen Sie Sachen umgesetzt haben und in zwei Jahren, das dauert dann so lange...“

Ja, aber wie gesagt: mit dem ersten Schritt hat man wieder Erkenntnisse gewonnen. Und der digitale Wandel hat halt alle Bereiche irgendwo beeinflusst und nicht zuletzt auch die Produktion. Und der Kunde ist ja auch in einigen Bereichen schon sehr stark digital irgendwo vernetzt. Das heißt, ich kann beobachten, wo mein Paket ist bis zur Auslieferung. Also ich weiß von: „So, jetzt geht es los.“ Bis: „Ich habe es.“ Weiß das. Und in anderen Bereichen weiß ich das überhaupt noch nicht. Und diese Qualität oder diesen Service möchte man aber jetzt mittlerweile überall haben und da müssen sich dann die Unternehmen auch entsprechend drauf einstellen.

Mareike Donath: 
Wenn wir den Blick nochmal in Richtung Zukunft schärfen: Was sind so Trends, die ihr beobachtet neben KI, die jetzt langsam kommen, die euch auch faszinieren beim Fraunhofer Institut? Was sind so für Dinge, die euch jetzt erreichen, wo ihr sagt: „Na ja, spätestens in fünf Jahren wird das die Unternehmen auch mit erreichen?“ Womit müssen die sich auseinandersetzen?

Dr. Konrad Jagusch:
Auseinandersetzen definitiv mit Wissensmanagement. Wie bekomme ich das Wissen von erfahrenen Leuten in die Robotik, in die digitalen Prozesse, in meinen Ablauf? Weil demographischer Wandel, Fachkräfte, die demnächst ins Rentenalter kommen und dann auch das Unternehmen verlassen. Das Wissen ist Gold wert und teilweise auch sehr, sehr schwer erfassbar, weil es intrinsisches Wissen ist, beispielsweise Fingerspitzengefühl. Das sind jahrelang aufgebaute Fachkenntnisse, wie die Maschine funktioniert, wie der Ablauf am besten ist. Und wenn das verloren geht, dann haben die Unternehmen wirklich ein Problem beziehungsweise stehen vor Herausforderungen. Und Fehler dürfen passieren, sollten aber nicht wiederholt werden. Und dafür ist Digitalisierung, Robotik ein sehr, sehr guter Hebel. Aber das wird uns die nächsten Jahre beschäftigen in der Forschung, in der Praxis. Und da helfen aber Technologien wie KI. Aber ich glaube, dieser Trend, Wissen zu archivieren und nutzbar zu machen, das wird ja flächendeckend ein Thema sein.

Mareike Donath: 
Konrad, du bist ein Kind aus Mecklenburg-Vorpommern, richtig?

Dr. Konrad Jagusch:
Ja.

Mareike Donath: 
Ja, Mecklenburg-Vorpommern. Für dich ein Zukunftsland? Ja/Nein?

Dr. Konrad Jagusch:
Auf jeden Fall. Auf jeden Fall. Wie gesagt, die in Mecklenburg-Vorpommern hier ansässigen Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, Kunden-individuell zu fertigen. Wie gesagt, es gibt auch Zulieferer, die mal eine Serienproduktion machen und die machen einen sehr, sehr guten Job. Aber es gibt auch sehr, sehr viele Hidden Champions, von denen man gar nicht so genau weiß, dass es die hier, also dass die hier existieren und die machen einen super Job, sind weltweit wirklich im Einsatz.

Mareike Donath: 
Wer fällt dir da ein?

Dr. Konrad Jagusch:
VARIOVAC beispielsweise, Sondermaschinenbauer, Zarrentin, Vakuumverpackungsmaschinen. Also jeder, der irgendwo mal eine Pizza in der Hand hatte oder irgendwie sein Brot belegt hat, hat wahrscheinlich irgendetwas aus deren Packung geholt. Und die müssen weiter optimieren, sind schon sehr gut aufgestellt, aber da muss es auch weitergehen. Und deshalb glaube ich, dass es ein Zukunftsland ist. Wir haben hier Fläche, wir haben eine super Infrastruktur, was die Anbindung angeht: Autobahn, Erreichbarkeit von Großstädten über den Seeweg auch. Wir haben motivierte Leute, wir haben sehr, sehr breites Wissen und auch tiefes Wissen in Bezug auf maritime Strukturen. Wie gesagt, Schiffbau, großes Thema. Aber auch so diese handwerklichen Bereiche. Definitiv Zukunft.

Mareike Donath: 
Was möchtest du am Ende noch unseren Zuhörer:innen und Zuschauer:innen mitgeben, Konrad?

Dr. Konrad Jagusch:
Also, ich habe mich sehr gefreut über die Werbung zwischendurch, natürlich. Also jedes Unternehmen, ob groß oder klein, kleine Handwerker, große Werft darf sich natürlich bei uns melden, wenn sie Unterstützung brauchen, wenn sie einfach auch mal aufgeschlaut werden wollen in einigen Bereichen. Das machen wir sehr, sehr gerne. Ansonsten, was ich mitgeben möchte, der letzte Punkt: MV hat Zukunft, im produktionstechnischen Umfeld, im handwerklichen Umfeld. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit weiterhin, weil das macht unheimlich Spaß, mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten, mit dem Personal. Wie gesagt, langjährige Erfahrungen, die da aufgebaut wurden, aber auch frische Leute, die neuen Wind reinbringen und diese bunte Arbeit, da freue ich mich drauf, auf die Herausforderung und dass es so weitergeht, dass wir weiter an der Digitalisierung arbeiten und auch teilweise mit euch dann entsprechend Veranstaltungen organisieren und dann zeigen, was wir so können in Mecklenburg-Vorpommern.

Mareike Donath: 
Wir sehen spätestens auf der NØRD mehr von euch, von eurem Fraunhofer-Institut vom IGP. Herzlichen Dank, dass du hier gewesen bist, Konrad.

Dr. Konrad Jagusch:
Vielen Dank! Hat sehr viel Spaß macht.