Mareike Donath:
Anna Witt, du bist vom Landeszentrum für Gleichstellung und Vereinbarkeit beim Landesfrauenrat des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben uns im Vorfeld auf das „Du“ geeinigt. Herzlich willkommen hier beim Podcast von „digitales MV”. Und ich frage dich natürlich gleich sofort: Was macht der Landesfrauenrat und was macht ihr als Landeszentrum? Herzlich willkommen!

Anna Witt:
Hallo, danke erst mal für die Einladung. Ja, also ich bin Anna, lebe in Rostock und da ist auch der Landesfrauenrat angesiedelt. Und der hat unter anderem viele Projekte. Mein Projekt ist das Landeszentrum, wie du das schon gesagt hast. Und wir sind im Grunde eine Unterstützungsstruktur im Land, für den „ESF Plus“, also einen Struktur-Sozialfonds, der Gelder ins Land gibt. Und wir begleiten diesen Fonds beziehungsweise die Gelder, die ins Land fließen unter dem Aspekt der Gleichstellung. Also das Querschnittsziel Gleichstellung der Geschlechter ist eins, das vorgegeben ist von der EU. Und wir sind sozusagen die, die Impulse geben, unterstützen und damit eben ja in vielen Bereichen hier in MV vor allen Dingen mit dem Arbeitsmarktbezug unterwegs sind.

Mareike Donath:
So haben wir uns ja auch kennengelernt. Ich verantworte ja auch ein „ESF Plus“-Projekt, den digitalen Innovationsraum Mecklenburg-Vorpommern mit den digitalen Innovationszentren hier im Land. Das sind sechs Stück an der Zahl zusammen mit ihren Tandempartnern. Und ich darf aber ganz stolz sagen, dass unsere Teilnehmer:innen gut durchmischt sind. Das heißt, die Teilnehmerquote von Frauen und Männern hält sich ungefähr in Waage. Manchmal sind es sogar mehr Frauen als Männer, da sind wir immer ganz stolz drauf. Wir lesen aber natürlich andere Schlagzeilen. Die IT-Berufe, da sind die Frauen noch unterrepräsentiert. Oder der digitale Wandel braucht mehr weibliche Perspektive. Anna, ist das so? Braucht der digitale Wandel mehr weibliche Perspektive? Wie nehmt ihr das wahr als Landeszentrum?

Anna Witt:
Ja, auf jeden Fall. Also der digitale Wandel ist eine Riesenchance auch für unser Bundesland. Gerade wenn wir überlegen, dass wir ein Flächenland sind. Dass wir unheimlich große Landkreise haben, ist das eine Riesenchance. Und natürlich ist die Chance vor allen Dingen für die Frauen da. Die Ausgangslage ist gerade noch nicht so super. Wir haben gerade ungefähr 16 % Frauenanteil in der IKT-Branche. Ich denke, das sollte sich noch ein bisschen erhöhen. Aber an sich ist, glaube ich, gerade für ein kleines Bundesland wie MV ist das eine Riesenchance, weil es eben auch Wege abkürzt. Ja, es schafft neue Möglichkeiten und neue Jobs. Also, insofern bin ich guter Dinge, dass wir da gut vorankommen.

Ich glaube, wichtig ist nur, die Gleichstellungsperspektive auch auf das Thema digitalen Wandel nicht zu verlieren. Bis jetzt wird ja der digitale Wandel sehr technikorientiert diskutiert und ich glaube, das muss man einfach ein bisschen weiter fassen, weil der digitale Wandel ja nicht nur unsere Arbeitswelt reformiert, verändert, sondern damit ja auch unseren Lebensalltag, unsere Lebenssituation.

Mareike Donath:
In welche Richtung sollte das konkret laufen eurer Meinung nach die Diskussion?

Anna Witt:
Dass man sich generell anschaut, wie arbeiten wir denn und wie wollen wir vielleicht in Zukunft arbeiten? Und wenn wir uns anschauen, wie wir aktuell arbeiten, dann ist es so, dass wir immer noch von der Präsenzkultur ausgehen, die an Männern orientiert ist, eine Vollzeitpräsenz. Wenn wir aber schauen, wie Menschen leben und leben wollen und wie vor allen Dingen Frauen aktuell leben, dann passt das eigentlich nicht so gut zusammen. Sondern schöner wäre ja, dass wir eine fairere Arbeitswelt schaffen, dass alle gleich beteiligt sind. Wir wissen, Frauen sind noch strukturell benachteiligt auf dem Arbeitsmarkt. Und da bietet der digitale Wandel natürlich super Möglichkeiten, wie man das ändern könnte.

Mareike Donath:
Ich schau auf mich und weiß, wie ich arbeiten möchte. Wie kriegt ihr das raus? Wie Frau von morgen arbeiten möchte?

Anna Witt:
Tatsächlich in erster Linie durch die Wissenschaft. Also wir sind natürlich auf der theoretischen Ebene unterwegs und schauen uns Studien, Befragungen an, Trends und Tendenzen. Und da gibt es zum Beispiel die Umfragen oder die aktuellen Studien, die zeigen, dass Eltern sich die Elternzeit beziehungsweise das Elternsein partnerschaftlich aufteilen wollen. Und damit geht natürlich auch die Arbeitszeit einher. Wir sehen aber auch, dass der Wunsch also bei einer Großzahl da ist, aber der Großteil nicht danach lebt. Und dann ist natürlich die Frage: Woran liegt das? Warum ist da der Wunsch und die Realität so weit auseinander? Und dann stellen wir fest, naja, es sind strukturelle Barrieren und eben auch ja Benachteiligung von Frauen, warum wir da noch nicht sind.

Mareike Donath:
Was heißt das konkret? Strukturelle Barrieren.

Anna Witt:
Das heißt, dass wir sehen, dass Frauen, die zum Beispiel in Teilzeit arbeiten, gerade wenn wir auf den Bereich Weiterbildung schauen und Teilhabe in Unternehmen, noch ein bisschen zurückstehen. Es ist so, dass zum Beispiel der Anteil von Frauen bei der Weiterbildung sich erhöht hat. Also es ist pari pari, was wunderbar ist. Wir sehen aber, wenn man genauer hinschaut, dass Weiterbildung zum Beispiel Müttern am wenigsten angeboten wird, ganz aktiv in Unternehmen, Vätern hingegen am meisten. Also da ist ein Ungleichgewicht, obwohl es ja beides Elternteile sind.

Das ist das eine. Das andere ist, dass Frauen in Teilzeit weniger die Möglichkeit haben, aktuell in Führung zu gehen. Frauen in Teilzeit haben weniger Zugang zum Beispiel zu digitalen Arbeitsmitteln und auch weniger Zugang zu Homeoffice. Und wir wissen, Homeoffice ist ja durchaus auch eine Möglichkeit, Vereinbarkeit ein bisschen zu verbessern. Es ist nicht das Allheilmittel, aber zumindest ist es ein Anfang, gerade für den ländlichen Raum. Das sind so ein paar Beispiele und da gibt es natürlich noch viel mehr.

Mareike Donath:
Auf den Punkt gebracht, Anna: Welche Vorteile bestehen für Frauen rund um den digitalen Wandel und wie können sie ganz konkret die Vorteile nutzen? Noch mal erstens: Welche drei wichtigsten Vorteile gibt es für die Frauen aufgrund des digitalen Wandels?

Anna Witt:
Der erste Vorteil wäre die Vereinbarkeit, also Vereinbarkeit von Privat- und Erwerbsleben. Dann ist es einfach ein Vorteil, dass der digitale Wandel, die soziale Ungleichheit, alles, was dazu gehört, verringern kann. Also, wenn wir es schaffen, Frauen mehr in den Diskurs zu bringen und vor allen Dingen in die Teilhabe und ins Gestalten. Denn bis jetzt ist es so, dass der digitale Wandel ja vor allen Dingen von Männern und der Perspektive aus Männern, also die männliche Perspektive gestaltet wird. Und wenn wir es schaffen, Frauen da reinzubringen, dann wäre das ein Riesenvorteil. Denn die Produkte, die Technologie, alles, was durch den Wandel auch entsteht, auch wie wir arbeiten, ist ja etwas, was im Grunde für alle konzipiert wird. Aber an der Entstehung sind Frauen nicht beteiligt. Der Vorteil ist, Frauen werden mehr gesehen und die Produkte, alles was entsteht, kommen ihnen mehr zugute beziehungsweise sind einfach fairer gestaltet.

Mareike Donath:
Was sind das für Perspektiven aus euren Erkenntnissen, aus eurer wissenschaftlichen Arbeit heraus? Was sind typische weibliche Perspektiven, die immer wieder dann zum Tragen kommen, wenn auch Frauen entsprechend eine Teilhabe erfahren?

Anna Witt:
Die Perspektive ist... Ich hatte zum Beispiel einen Podcast zum Thema Digitalisierung und wie das Geschlechter-gerecht gestaltet werden kann mit einer Person, die in der IT tätig ist, die mir gesagt hat, dass Teams, die diverser sind, immer erfolgreicher sind und Produkte schaffen, die also für die Konsument:innen greifbarer und handbarer sind und einfach eine höhere Qualität aufweisen. Und das ist ja das, was wir wollen, dass die Tools, die entstehen, nicht nur für eine kleine Masse, sondern eben für alle geeignet sind. Das ist zum Beispiel ganz konkret, was mir so gespiegelt wurde.

Mareike Donath:
Aus euren Beobachtungen heraus: Wie kann das jetzt konkret funktionieren? Wie können wir mehr weibliche Perspektive in die Diskussion, in den Diskurs und in die Unternehmen und Unternehmenslösung bekommen?

Anna Witt:
Zum Beispiel sowas, wie hier heute. Also ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, dass Digitalisierung, digitaler Wandel nicht neutral ist. Viele gehen davon aus, der ist neutral was hat das irgendwie mit Gleichstellung zutun? Und ich glaube, das ist der erste Schritt, die Sensibilisierung dafür, dass es eben nicht so ist.

Mareike Donath:
Woran merkt man das?

Anna Witt:
Das merkt man daran, dass Leute das nicht hinterfragen und auch zum Beispiel die Tools. Gerade wenn ich an generative KI denke, einfach ohne, nicht alle, aber ohne drüber nachzudenken zu nutzen. Es ist aber so, dass KI natürlich nur so gut ist, wie die Daten sind. Und die Daten, die KI aktuell benutzt sind ungleich. Das heißt, Daten von Frauen über Frauen sind nicht da, sind unzulässig und sind sogar irreführend. Gerade wenn wir zum Beispiel in die Medizintechnik schauen, Daten über Erkrankungen von Frauen, Daten wie Medikamente getestet werden all diese Dinge sind immer noch am Prototyp Mann getestet. Das heißt, all diese Daten, die da sind, speist natürlich die KI ein und gibt mir dementsprechend einen Output. Das heißt, die Datenlage müsste sich erst mal verändern.

Mareike Donath:
Gibt es darüber Daten, Zahlen, Daten, Fakten, die das belegen? Dass zu wenig weibliche Daten  Anna Witt:
Ja, das gibt es, klar.

Mareike Donath:
Und wie misst man das? Wie kommt man darauf?

Anna Witt:
Das kann man tatsächlich testen. Also wir könnten jetzt auch einen Live-Test machen und mal bei sage ich mal ChatGPT nach Sachen fragen und würden sehr wahrscheinlich, und wir testen das natürlich auch, zum Teil stereotype Antworten bekommen. Wenn man zum Beispiel fragen wir mal nach Frauenberufen, der Begriff Frauenberufe dann wird schnell klar, dass auch die KI, wenn man sie nicht ein bisschen trainiert oder überlegt, wie man fragt, auch Antworten gibt, die etwas reproduzieren, was ja gar nicht so ist. Weil es gibt nicht die Frauenberufe, sondern es gibt Frauen-dominierte Berufe. Und das hat sicherlich auch eine Geschichte. Aber ja.

Mareike Donath:
Immer noch, ich muss nachhaken. Wie kann das denn jetzt ganz konkret funktionieren? Was kann ich beispielsweise tun, damit das funktionieren kann? Bei mir mal ganz konkret. Was müsste man konkret machen?

Anna Witt:
Das heißt zum Beispiel, jede Podiumsdiskussion, jeder Auseinandersetzung, jede wissenschaftliche Analyse versuchen, alle Perspektiven mit einzubringen. Das wäre der erste Schritt. Also am Podium eben zu sagen: „Ich lade nicht nur Männer ein.” Ich weiß, dass die IKT-Branche da auch schwierig ist. Aber dass man gezielt zum Beispiel nach Frauen schaut. Wie kann das weiter funktionieren? Indem wir aktiv dafür werben und dafür sorgen, dass die Berufsorientierung, also wenn Mädchen und junge Frauen sich entscheiden, in welche Richtung es geht, wir eben Klischee frei gestalten und da nicht mit Stereotypen, mit Vorurteilen oder mit auch bestimmten Rollenbildern arbeiten, sondern uns bewusst ist, wenn wir diese Perspektive und diese Vielfalt wollen, dann brauchen wir natürlich auch Frauen in diesem Bereich. Und das wäre was Konkretes.

Mareike Donath:
Unterm Strich durch den Einbezug ist es eine Selbstverständlichkeit, dass weibliche Perspektive auch mit einbezogen wird.

Anna Witt:
Ja, im Grunde nicht so schwer. Wir brauchen da nur mehr Frauen, ja.

Mareike Donath:
Wer sind da helfende Hände oder unterstützende Partner? Genau da zielt ja auch das ESF-Projekt ja auch mit rein. Wenn ich alleine auf unser Projekt mit schaue, wie kann das funktionieren? Und wir sind da sehr stolz drauf. Alleine unsere Koordinatorinnen der Innovationszentren, sind alle weiblich sozusagen besetzt und ob das da eine Rolle spielt. Wir haben auch die Kundi:nnen ein hohes weibliches Potenzial. Die haben einfach, sind toll erreicht, haben sehr hohes Interesse. Ob das im Bereich Gründungszene, in Wissenschaft, in der Verwaltung sich zu vernetzen und Ideen zu teilen, das ist per se eine wunderbare Möglichkeit, um hier gemeinsam am digitalen Wandel zu arbeiten und entsprechende Kompetenzen weiter ins Land zu streuen. Was beobachtet ihr bei anderen Projekten? Was machen die?

Anna Witt:
Es gibt natürlich unheimlich viele Projekte und auch ja, doch, das sind schon Projekte eigentlich, die ein Mentoring machen, was sehr, sehr effektiv ist. Die eben Frauen, junge Frauen bestärken und mit ihnen zusammen den Weg gehen, dass sie eben in Führung kommen, dass sie in Führung bleiben. Es ist ja nicht nur das. Es gibt viele gute Projekte im Land, die Berufsorientierung angehen und da eben sensibel vorangehen. Und zum Beispiel gibt es die Berufsorientierungsmaßnahme, die mit Schüler:innen durchgeführt wird.

Also das sind dann so 8. Klassen, die dann auf einen klischeefreien Berufsparcours eigentlich das erste Mal in Kontakt kommen damit, dass sie auch vielleicht ja mal was ausprobieren, was ihnen als Rolle sonst gar nicht zugeschrieben wird. Also da ist es so, dass die Jungen zum Beispiel ganz aktiv im Haushalt, also das so ein Haus sozusagen präpariert und dann sollen sie mal das Bett machen oder sie lernen ja Bereiche kennen, in denen sie vielleicht vorher noch gar nicht bewusst waren, gefällt mir das oder nicht? Also die Möglichkeit, ihnen die Chance zu geben, auch zu überlegen, was gefällt mir denn oder worin bin ich gut? Und nicht nur naja, das sind eigentlich Mädchensachen und das sind Jungensachen zum Beispiel ein sehr schönes Projekt. Das finde ich eigentlich am effektivsten, weil das eine langfristige und auch eine nachhaltige Wirkung auf die Kinder im besten Fall hat.

Mareike Donath:
Wie kriegen wir jetzt die KI gefüttert? Mit mehr weiblicher Perspektive?

Anna Witt:
Ich hatte mal ein Gespräch dazu mit Frau Professor Martens hier von der Universität, die dann irgendwie meinte, naja, wir müssten jetzt eigentlich die KI  die ganze Zeit trainieren, aber das ist ein bisschen viel verlangt, und das werden wir natürlich so nicht schaffen.

Mareike Donath:
Wir müssen es als Herausforderung begreifen, dass es erst mal so ist, wie es ist, und Daten zur Verfügung gestellt werden, das ist ja oft die Grundlage. Wie setzen Sie sich zusammen? Wer speist da ein und das meine ich ja auch mit meiner Frage der helfenden Hände. Was sind das für wesentliche oder wer ist da wesentlicher Partner, um Daten verfügbar zu machen? Ist klar, wir sind selber die, die die KI mit füttert. Andererseits werden ja auch auf Daten zurückgegriffen, die zur Verfügung stehen. Was sind so typische Partner, die da vielleicht nochmal ein bisschen sich anders aufstellen könnten?

Anna Witt:
Wir haben zum Beispiel als Landesfrauenrat überlegt, ob wir vielleicht ein Projekt machen können, zusammen mit Programmierer:innen, dass wir vielleicht ein Tool oder ein Programm, eine Software entwickeln, gemeinsam, die diskriminierungsfrei ist und die wir dann anbieten. Also so einen Gedanken hatten wir ja schon.  Mareike Donath:
Spannend.

Anna Witt:
Und gleichzeitig ist uns klar, dass Unternehmen vor Ort praktisch denken, keine Zeit haben, Geld auch eine Ressource ist, dass sie also wenn sie sich digitale Tools einkaufen, der erste Blick ist: Passt es zum Unternehmen? Also wie kann es mein Unternehmen unterstützen und leider häufig nicht im Blick ist, naja, ist es eigentlich diskriminierend oder was hat es für Auswirkungen? Das ist etwas, was noch nicht so im Fokus ist, glaube ich. Was sich aber hoffentlich mit der Diskussion darum auch, dass wir heute zum Beispiel darüber sprechen, sich auch verändern wird.

Mareike Donath:
Es geht ja auch bei euch bei Diskriminierung nicht nur um Frauen, sondern allgemein die Gruppe, also wer wird typischerweise, möglicherweise beim digitalen Wandel jetzt noch diskriminiert, wenn man das so formulieren möchte.

Anna Witt:
Tatsächlich die vulnerablen Gruppen, also lesbische Frauen, nicht weiße Frauen, behinderte Frauen, Frauen mit Migrationshintergrund. Das ist leider auch etwas, was wir sehen. Also es sind nicht nur Frauen, sondern eben ja vulnerable Gruppen.

Mareike Donath:
Kannst du, woran man es merkt, dass hier eine Diskriminierung besteht, nochmal ein ganz konkretes Beispiel formulieren?

Anna Witt:
Ja klar. Es gibt zum Beispiel ein großes Unternehmen, das weltweit bekannt ist, die eine Software eingeführt haben, um ihren Bewerbungsprozess zu automatisieren. Und dann stellte sich mit der Zeit heraus, dass bei den Bewerbern nur noch Männer dabei sind. Und dann wurde die KI oder beziehungsweise das Tool untersucht und es wurde festgestellt, die Automatisierung führte dazu, dass Frauen einfach aussortiert wurden, weil die Daten, die sozusagen benutzt wurden, darauf wiesen, dass Frauen öfter in Elternzeit gehen, dass Frauen eher in Teilzeit arbeiten, dass Frauen nicht immer in Führungspositionen sozusagen von der KI gesehen werden.

Also da hat sich sozusagen alles reproduziert, welche strukturelle Benachteiligung wir ja auch auf dem Arbeitsmarkt haben, dass Frauen also weniger zugetraut wird, aber eben auch weniger die Möglichkeit gegeben wird, also eine Kombination aus beidem. Und dass Frauen zwar Elternzeit zugeschrieben wird, dass das keine Diskussion ist, gleichzeitig aber der Wiedereintritt dann also wenn sie wieder zurückkommen, nicht dazu führt, dass ihre Karrierechancen besser sind, sondern eher schlechter und genau diese Daten hat sozusagen die KI mitgenommen und hat im Bewerbungsprozess zack, zack, zack dafür gesorgt, dass einfach die gar nicht mehr durchkamen. Es ist ein klassisches Beispiel.

Mareike Donath:
Gibt es noch weitere Beispiele, die dir einfallen, ohne Unternehmen konkret zu benennen oder auch aus Mecklenburg-Vorpommern, was euch da so begegnet, ist, dass das tatsächlich möglicherweise auch gar nicht mit Absicht gemacht, aber einfach, es ist so, wie es ist. Wo ihr sagt, das kann doch nicht sein, dass sich das so verhält.

Anna Witt:
Leider gibt es ganz wenig Daten dazu aus MV. Ich habe auch so ein bisschen vorher nochmal geschaut. Ich wusste, ich komme her, wir reden über MV. Zu MV gibt es ganz, ganz wenig. Das ist leider so.

Mareike Donath:
Deutschlandweit?  Anna Witt:
Deutschlandweit gibt es ein bisschen mehr. Also vor allen Dingen ist in Deutschland viel in der Personalentwicklung, im Personalmanagement, die Automatisierung da schon vorangeschritten. Und da geht es viel um den Bewerbungsprozess. Also das ist ein großes Thema. Ansonsten ist es natürlich so, dass in der Medizin das eine große Rolle spielt, also einfach falsche Diagnosen gestellt werden von der KI, weil das Maßstab der Mann ist, der männliche Körper, der natürlich den Zyklus nicht bedenkt und all diese Dinge, die Frauen ausmachen. Auch frauentypische Krankheiten, die zu wenig erforscht sind und dadurch zum Beispiel konkret Medikation bei Frauen falsch waren. Nicht nur zu hoch, sondern Medikamente falsch und das im schlimmsten Fall zu ja Verschlimmerung von Erkrankungen führt, genau.

Mareike Donath:
Wenn du auf deine tägliche Arbeit blickst: Was ist das Wichtigste, was deine Arbeit ausmacht? Wie würdest du das beschreiben?

Anna Witt:
Die Gleichstellungsarbeit ist schon eine Arbeit, die auch sehr persönlich ist. Das ist das, was ich in meinem, in meinem Werdegang jetzt auch gemerkt habe. Das heißt, vor einem sitzt immer ein Mensch, egal wo man ist, im Ministerium oder mit einer Unternehmerin, Unternehmer spricht und sich bewusst zu machen, dass Gleichstellung auch immer etwas mit Haltung und mit eigenen Werten, mit einem eigenen Lebensweg zu tun haben. Sobald man also darüber ins Gespräch kommt, berührt man einen sehr sensiblen, sehr intimen Bereich des Gegenübers. Und sich da bewusst zu sein, dass das auch eine gewisse Hürde ist und gewisse Sensibilität ja voraussetzt, ist glaube ich was, was ich erst ein bisschen so mit der Zeit gemerkt habe.

Mareike Donath:
Ändert sich das Mindset, wenn du mit den Menschen unterwegs bist und sprichst, eine gewisse Offenheit zu erfahren für das Thema.

Anna Witt:
Es ist unterschiedlich, aber meistens schon. Es hat auch immer ein bisschen natürlich mit der Offenheit zu tun der Menschen, mit denen man zu tun hat. Es macht ja auch einen Unterschied, ob ich jetzt mit einer Person spreche, vielleicht bei einer Veranstaltung nebenbei. Man kommt ein bisschen ins Gespräch über das, was gerade gesagt wurde, und dann droppe ich vielleicht mal ein paar Fakten und dann: „Ach ja, interessant.” Und so weiter oder ob ich jetzt vielleicht in einem Arbeitskontext bin, wo jemand sozusagen bestimmte Dinge umsetzen muss und vielleicht gar nicht 100 % dahinter steht.

Aber an sich verändert das schon immer was, weil ich immer wieder merke, die Menschen wollen es ja auch alle nur gut haben. Also, wir sind ja alle daran interessiert, eine faire und gleichwertige Gesellschaft zu schaffen. Also, viele sind eher überrascht über die Missstände, die es noch gibt und über diese Ungleichheiten und sind überrascht auch über die Infos, die dann von uns kommen.

Mareike Donath:
Da würde ich gerne nachfragen. Wird es denn einfacher in der Arbeit?  Also man merkt, man hat schon das zu thematisieren hat schon viel gebracht, die Gespräche werden einfacher, eine Offenheit ist möglicherweise schneller hergestellt, nimmst du etwas wahr?

Anna Witt:
Das ist unterschiedlich. Zum Teil ja. Es liegt natürlich vielleicht auch an dem gesellschaftlichen Diskurs, dass Themen wie Feminismus auch irgendwie sichtbarer werden, mehr besprochen werden. Und gleichzeitig nehme ich wahr, dass es sich nicht viel verändert. Es ist immer so ein bisschen ambivalent. Ich kann es, ich kann es gar nicht in eine Richtung unbedingt sagen. Es kommt auch auf den Kontext an, wo man gerade unterwegs ist.

Mareike Donath:
Wie lange geht euer Projekt?

Anna Witt:
Unser Projekt ist bis '27.

Mareike Donath:
Was wollt ihr in '27 erreicht haben? Wenn ich dich frage und treffe Ende '27 und Anna, sozusagen was habt ihr geschafft?

Anna Witt:
Wir haben ja einen ganz konkreten Auftrag mit dieser Unterstützung. Und da sind auch immer so ein paar Meilensteine und Ziele ja festgeschrieben. Natürlich muss da auch was abgerechnet werden, sozusagen ganz unternehmerisch gesehen. Und zwar ist es so, dass wir bei den Ministerien, da, wo die Förderinstrumente mit den Geldern liegen, wie in deinem Fall eben beim Wirtschaftsministerium so ein paar Dinge erschaffen müssen, also ein paar Auflagen haben von der EU. Und in dem Fall ist es so, dass wir dafür sorgen oder im besten Fall sie unterstützen, ihnen helfen, dass es konkrete Gleichstellungsziele und Maßnahmen gibt. Also, dass es nicht so im luftleeren Raum bleibt und man darüber spricht naja, das ist eine Ungleichheit und hier, sondern wir wirklich schauen, wie kann denn diese Ungleichheit hier konkret in diesem Förderinstrument angegangen werden und was kann vielleicht als Maßnahme auch implementiert werden im Grunde, dass sich das zukünftig verbessert und dieses Instrument eben auf beide Geschlechter gleichermaßen wirkt und sie fördert.

Und das macht mir zum Beispiel sehr viel Spaß, weil das ganz konkret ist. Weißt du, das ist nicht irgendwie viele Zahlen, manche haben auch Angst vor Statistiken und das ist denen dann vielleicht zu wissenschaftlich. Aber bei Maßnahmen und Zielen, das ist ja ganz konkret, in so etwas wie du vorhin gesagt hast, zum Beispiel Erhöhung von der Teilnahme von Frauen an Veranstaltungen ist eine konkrete Maßnahme beziehungsweise ein Ziel. Und dann guckt man, mit welchen Maßnahmen kann man das umsetzen? Wie spreche ich Frauen an? Was brauchen Frauen? Was sind die Themen, die sie gerade bewegen zum Beispiel?

Mareike Donath:
Was sind das für Themen?

Anna Witt:
Ja, das ist natürlich keine homogene Masse, sondern das sind natürlich auch sehr unterschiedliche Dinge. Aber wir sehen ja schon, wenn man zum Beispiel die Gründungszahlen anschauen, hier in MV. Erstmal sind wir gar nicht schlecht. Wir sind eins der besten Bundesländer. Das freut uns natürlich. Und gleichzeitig  Mareike Donath:
Das weiß man gar nicht so.

Anna Witt:
Weiß man gar nicht genau. Finde ich schade, aber es gab einen großen Artikel dazu in einer großen Zeitung vor einiger Zeit. Wir sind so um die 20 %. Das ist natürlich im Vergleich, da ist noch viel Luft nach oben. Und trotzdem freut mich das einfach gerade für unser Bundesland. Wir sehen aber auch, wo gegründet wird. Es sind noch nicht die Bereiche, die wir jetzt gerade am meisten brauchen, nämlich für den digitalen Wandel, sondern Frauen gründen häufig in sogenannten Social Entrepreneurs und das ist natürlich total wichtig und brauchen wir für die gesellschaftliche Weiterentwicklung, für den Zusammenhalt, alles, was uns bewegt. Aber da können wir noch ein bisschen rangehen.

Mareike Donath:
Wie bist du eigentlich da hingekommen Anna, wie war dein persönlicher Lebensweg? Ich habe hier studiert in Rostock, Politikwissenschaft und habe dann schnell mitbekommen, dass der Landesfrauenrat eine gute Institution ist. Und dann bin ich da irgendwann gelandet. Das war sozusagen mein Weg.

Mareike Donath:
Was hast du vor dem Projekt gemacht?

Anna Witt:
Ich habe vorher auch in der Dienstleistungsbranche gearbeitet. Es macht mir großen Spaß und ist eine Leidenschaft von mir und war zum Beispiel bei einer Agentur. Habe da so Gourmet-Produkte und so verkauft. Ich war aber auch bei einem großen Unternehmen, die Mode verkauft haben. Also ich habe immer so ein bisschen alles gemacht, auch währenddessen studiert und dann war ich mal da, und dann habe ich auf einer Messe gearbeitet, also überall mal reingeschnuppert.

Mareike Donath:
Um sich auch... Kann man sich auch einen breiten Erfahrungs-...

Anna Witt:
Ja, bin ich auch. Bin ich froh darüber.

Mareike Donath:
Ja klar, dass man Einblicke hat in verschiedene Bereiche und einschätzen kann, wie sieht es da eigentlich aus.

Anna Witt:
Ja, und trotzdem ist natürlich klar, dass wir als Projekt nicht leisten können, überall den Einblick zu haben. Also uns ist immer bewusst, wir sind in so eine Art Multiplikatorinnen-Ebene. Wir sind natürlich nicht an den Unternehmen dran wie ihr und deswegen, wir sehen uns da in so einer Vermittlungsrolle und ich glaube, dass wir die auch ganz gut ausfüllen können dadurch.

Mareike Donath:
Absolut, wir sind ja schon dabei, die kommende NØRD zu planen, mit der Female Lounge und die Bühnen zu füllen mit tollen Beiträgen. Was sind so deine Herzensthemen, wo du sagst, das muss auf die Bühne, das muss sichtbar sein? Das ist toll, was da entstanden ist. Was fällt dir da ein?

Anna Witt:
Naja, was Frauen hier so leisten und machen, soll auf jeden Fall auf die Bühne. Also ich finde Themen wie Gründung total spannend und wichtig. Wenn Frauen zeigen, wie sie gründen. Und das ist ja durchaus auch manchmal anders, wie der Weg dann ist. Wir wissen zum Beispiel, Frauen gründen ja auch viel später, also sind einfach viel älter, die kommen also aus einer ganz anderen Lebenserfahrung und einem ganz anderen Hintergrund, was ich sehr bemerkenswert finde und interessant. Also wie Frauen gründen, finde ich spannend. Natürlich darf man nicht vergessen: Wir wissen auch, Frauen haben weniger Zugang zum Kapital, also wird weniger abgelehnt zum Beispiel. Also, klar, das müsste man besprechen, aber dann wäre natürlich auf der NØRD interessant, wie kommt man dann daran? Also, das wären für mich zum Beispiel super spannende Sachen, wenn ganz konkret Leute erzählen können, wie ist ihre Geschichte gewesen? Also Best Practice möchte ich gerne also wenn es nach mir geht. Best Practice würde ich gerne auf der Bühne sehen. Frauen, die anderen auch Mut machen und zeigen, so kann auch dein Weg sein ja.

Mareike Donath:
Der Spotlight draufzulegen, wie wichtig das ist. Hast du für unsere Zuhörer:innen, Zuschauer:innen noch aufrüttelnde Zahlen, die du uns heute mal mitbringen möchtest? Zu sagen, dass ist stellt euch das vor, wie das tatsächlich ist, das müsst ihr gesehen haben. Damit man wirklich, wirklich sich das immer wieder vor Augen führt, wie wichtig das Thema ist.

Anna Witt:
Ich finde die Zahl 16 % in der IKT-Branche schon eklatant, wenn man sich das überlegt. Und wenn man sich dann überlegt, in den letzten zehn Jahren ist das nicht gestiegen, wir haben ja so ein Anstieg an Bedarf an IT-Bedarf und der Frauenanteil ist praktisch gar nicht mitgewachsen. Also im Grunde fast ein Rückentwicklung, wenn man es interpretiert. Und da würde ich gerne appellieren, da müssen wir was ändern, das kann ja nicht sein also. Wenn die Programmierer:innen da sitzen, die sagen, jetzt machen wir einen ganz eigenen Algorithmus, absolut. Ja, und wir wissen ja auch, dass Teams, die diverser sind, erfolgreicher sind. Das gibt dann zum Beispiel Untersuchungen aus den USA, wo gezeigt wird, diverse Teams haben immer mehr Erfolg und unterm Strich dann ja eben auch für das Unternehmen, bringen sie mehr Geld. Also allein das wäre irgendwie ein Anspruch, auch zu sagen: „Na dann gucken wir mal.” Das ist natürlich nicht der einzige Grund, aber ja, finde ich interessant, wenn man sich ein bisschen dann damit beschäftigt.

Mareike Donath:
Hast du noch andere Zahlen?

Anna Witt:
Ich finde auch interessant. Wir wissen ja, dass Alleinerziehende am meisten betroffen sind von der Altersarmut. Also ich finde, das sollte man auch nicht vergessen. Wir sind ja als Menschen angestellt, wir kommen ja nicht als Maschine in einen Job, sondern wir sind immer als Menschen da. Und wenn wir sehen, wie viele Frauen so viel Care Arbeit leisten, Teilzeit arbeiten und dann nicht das rausbekommen, was sie verdient haben, nämlich genau ja die Anerkennung, sozusagen die gesellschaftliche, aber auch in Geldwert, also in Entlohnung da müssen wir, glaube ich, auch dringend ran.

Mareike Donath:
Anna, wir haben mehrere Zahlen jetzt von dir hören können. Welche Best Practice-Beispiele bringst du uns mit, zu sagen: Das ist aber schon super gelaufen? Da waren mehr Frauen am Start, da kriegt man das Thema Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Care Arbeit gut hin. Gibt es Unternehmen möglicherweise in Mecklenburg-Vorpommern, wo du sagst: „Da ist es gut gelaufen”? Musst die Namen nicht nennen, aber uns das Beispiel reicht.

Anna Witt:
Sehr gern. Ich erinnere mich an ein Unternehmen, mit dem ich auch kurz zusammenarbeiten durfte. Die haben eins toll gemacht. Die haben bei der Entscheidung, wie sie zukünftig arbeiten wollen, nicht nur die Mitarbeitenden befragt, sondern auch die Familien. Also da war der Anspruch der Geschäftsführung in dem Fall: „Ich möchte die Menschen anerkennen, wie sie kommen, nämlich mit allem, was dazugehört, mit Ehrenamt, mit Familie und so weiter.” Und da haben die zusammen abgestimmt, ob sie eine Vier-Tage-Woche einführen wollen oder nicht. Und das haben sie dann tatsächlich und auch relativ schnell.

Und das Ergebnis ist, dass sie sagt, wir haben bis heute keine Probleme mit dem Fachkräftemangel, weil sie sich einfach so attraktiv auf dem Markt auch positionieren für Frauen und Männer mit dem, was Menschen sich auch wünschen, wie sie arbeiten wollen. Und das fand ich ziemlich beeindruckend, dass sie es schafft. Und das ist eben eine ganz andere Art von Führung. Und das ist das, was wir ja auch, glaube ich, mehr brauchen, auf die Menschen einzugehen und dabei natürlich nicht den Fokus zu verlieren, dass die Arbeit noch gemacht wird. Aber die Leute eben abzuholen, dass die Leute bleiben und dass sie keine Probleme hat, auch Leute zu finden, weil es sich rumspricht, wenn ein Unternehmen an die Leute denkt, für die Leute arbeitet und da, ob das Elternzeit ist oder Teilzeit anerkannt ist und die Arbeit trotzdem gleichwertig gesehen wird. Und das fand ich sehr beeindruckend und ja, das ist ein schönes Beispiel, finde ich.

Mareike Donath:
Wenn ich auf die Community von „digitales MV“ schaue, dann ist das tatsächlich oftmals in meinen Diskussionen oder Gesprächen gar nicht so das Thema. Die Hochschulen werben dafür, die Unternehmen werben dafür. Ich habe das. Ich habe den Eindruck, dass die Unternehmen das auch ganz stark für sich erkannt haben, hier stark zu werben, auch in ganz klaren Wettbewerbsvorteil auch daran sehen, sich so breit aufzustellen und genau mit diesem Bewusstsein auch da rangehen, das nehme ich  hier ganz deutlich wahr. Im Kontext, wenn ich Gespräche verfolge, die in anderen Bundesländern sind, gerade die in östlichen Bundesländern nehme ich das wahr, auch in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere, dass hier schon eine ganz andere Offenheit herrscht oder das Thema schon präsent ist und gesehen ist, um das hier zu verändern. Stimmt mein Eindruck?

Anna Witt:
Das ist auch mein Eindruck. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir natürlich kleiner sind, schneller vernetzt sind, die Wege kürzer sind, also die Kommunikationswege und dass wir aber auch nicht so viel Zeit haben. Gerade wenn ich mir anschaue, dass ja bei uns der demografische Wandel noch mal ganz anders reinkickt, als in anderen Bundesländern, müssen wir jetzt auch wirklich zusehen, dass das Potenzial, was da ist, wir auch nutzen. Und deswegen finde ich das super, wenn Unternehmen sich auch bewusst machen, naja, warum mache ich es nicht breiter, warum versuche ich nicht genauso auch Frauen anzusprechen? Trotzdem müssen die natürlich da sein und sich bewerben. Und dann ist die Frage: Wie spricht man die an, wie fühlen sie sich angesprochen? Aber das nehme ich auch schon ein Stück weit wahr.

Mareike Donath:
Gibt es ein Patentrezept, wie man Sie anspricht?

Anna Witt:
Aus wissenschaftlicher Sicht ja, tatsächlich.

Mareike Donath:
Und wie ist das, wenn ich jetzt Unternehmen habe, die hier zuhören. Was gibst du ihnen mit an die Hand?

Anna Witt:
Man hat tatsächlich festgestellt, dass Frauen Stellenausschreibungen anders lesen als Männer. Und zwar hat man festgestellt, dass Frauen mehr auf die Bedingungen schauen, auf die Rahmenbedingungen, Männer eher aufs Geld. Und das ist auch eine Chance, sozusagen Stellenausschreibungen anzupassen. Und bei der Definition davon, was der Job als Aufgaben mit sich bringt, hat man auch festgestellt, dass zum Beispiel so harte Wörter wie Leistungsbereitschaft Frauen eher abschrecken. Und...

Mareike Donath:
Sie sind ja leistungsbereit, aber...

Anna Witt:
...sie sind leistungsbereit, aber das so zu lesen, löst anscheinend was aus, was nicht dazu führt, dass man sich bewirbt.Und jetzt kann man dazu natürlich eine Haltung haben, aber viel wichtiger ist: Wie gehe ich damit um? Deswegen haben wir zum Beispiel vor einigen Jahren im Landeszentrum einen Workshop entwickelt, wie man also Geschlechter-gerecht Bewerbendenansprache machen kann. Und haben Unternehmen die Möglichkeit damit gegeben, zu schauen, wie spreche ich dann an? Bin ich zum Beispiel auch in der Bildsprache? Also, ich kann ja schreiben, ich spreche Frauen an, aber auf meiner Webseite sind nur Männer. So, dann ist die Frage: Spreche ich sie dadurch wirklich an? Und solche Sachen.

Mareike Donath:
Ich habe oft in den Gesprächen so sinnstiftend, das sind auch Werte sozusagen, die noch dahinter stehen, gar nicht. Es geht ja nicht um völlig klar, dass man. Ich würde gerne bei dem Wort noch mal bleiben. Geht nicht darum, so verstehe ich diese Gespräche, dass man weniger Leistung oder dass Leistung irgendwie ein Thema sein sollte. Es geht darum, warum man sich dort engagiert und wofür mit welchem Zweck. Und dass die sinnstiftende Arbeit das ist spielt für viele – aber da kann ich auch auf die gesamte Community blicken – eine ganz wesentliche Rolle. Das war früher gar nicht so, dass war möglicherweise ein Status oder wie auch immer. Aber jetzt geht es viel darum. Ich möchte mich engagieren, eine gute Lebensbalance hinbekommen. Ja, ich möchte mich auch richtig mit Haut und Haaren und Herzblut einbringen. Aber ich muss wissen, wofür. Ist das typisch weiblich?

Anna Witt:
Also ja, auch, aber es ist vor allen Dingen etwas, das wir erleben in den Generationen. Generationsmanagement ist ja auch etwas, was zunehmend Unternehmen beschäftigt. Wenn wir überlegen, dass zum Teil fünf Generationen in einem Unternehmen sind. Das gab es ja vorher noch nie. Also das ist herausfordernd und gleichzeitig sehen wir, die Generationen haben natürlich, bringen viel mehr andere Sachen mit. Wir haben eine Generation, die sich leisten kann, Ansprüche zu stellen, die genau wissen, was sie wollen und die, wie du es gerade sagst, auch eine Erwartung daran haben, was ich da mache und wofür ich das mache. Also diese Werte, die Haltung zum Beispiel gerade wenn wir auf Diversität oder auf Nachhaltigkeit gucken, also Klimaschutz spielt eine viel größere Rolle bei jungen Menschen, wenn sie sich bewerben, also auch für Unternehmen eine Chance zu sagen: „Na, wenn ich mich vernünftig aufstelle, ein Leitbild habe, meine Leute mitnehme, nachhaltig mich engagiere, kriege ich auch einfach mehr Bewerber.” Es ist interessant, wie das zusammenhängt. Und wie du sagst, das gab es vor 50 Jahren noch nicht.

Mareike Donath:
Zurück zu den Rahmenbedingungen. Also zur Bewerbung, habt ihr so was ein Leitfaden, also, dass man es bei euch mal downloaden kann. Bewerbung richtig gemacht für Frauen?

Anna Witt:
Das haben wir tatsächlich so konkret nicht, aber das gibt es. Es gibt andere Projekte, die so was haben.

Mareike Donath:
Anna, du bist, du kommst aus Mecklenburg-Vorpommern? Ja. Du bist ein Landeskind? Ein Landeskind. Dann komme ich nämlich zu meiner Abschlussfrage: Erst mal vielen Dank für die vielen Impulse und Eindrücke. Da möchte ich dich natürlich fragen: Mecklenburg-Vorpommern für dich ein Zukunftsland, ja oder nein?

Anna Witt:
Ja, schon, ja, auf jeden Fall. Warum? Ich glaube, die vielen Sorgen, die wir jetzt noch haben, werden durch den digitalen Wandel ein bisschen überbrückt. Also, ich glaube, da ist eine Riesenchance, weil dann spielen die Wege keine Rolle mehr. Und dann spielt auch nicht die Rolle, wie viele Leute daran arbeiten, sondern die Technik löst so ein bisschen das Leute-Problem. Ja, ich glaube einfach an MV. Ich glaube an meine Leute. Ich kann das gar nicht so genau sagen, aber auf jeden Fall. Wir haben die Ostsee, wir haben eine gute Lage, gerade auch wenn ich an die anderen Staaten denke, mit denen wir ja schon viel kooperieren. Das macht ihr ja mittlerweile  glaube ich auch. Ja, kommt her. Und ländlicher Raum ist halt auch Qualitätsraum. Darf man auch nicht vergessen. Die Leute wollen weg aus großen Städten, die überfüllt sind und die im Sommer zu heiß sind und einfach nur laut. Gerade junge Familien. Ich finde es sehr lukrativ. Und ja.

Mareike Donath:
Und wir bauen die weibliche Community weiter aus, Anna.

Anna Witt:
Ja.

Mareike Donath:
Vielen Dank! Schön, dass du hier gewesen bist beim Podcast „digitales MV”.  Anna Witt:
Dankeschön nochmal.