Christian Pegel:
Auf geht's. Mareike Donath: Auf geht's! Heute hat die Klappe, liebe Zuhörer:innen und Zuschauer:innen, der Minister selbst übernommen. Christian Pegel, Minister für Inneres und Bau. Wir haben uns natürlich im Vorfeld auf das „Du” geeinigt. Herzlich willkommen hier im Podcast von „digitales MV”. Und ich fange gleich mit der ersten Frage an. Du bist, ich habe mal nachgerechnet, seit 2012 in der Landesregierung und schon als CDS (Chef der Staatskanzlei/ Anm. d. Red.) hast du das Thema Breitbandausbau nach vorne getrieben. Jetzt haben wir 2026. Der digitale Wandel in Mecklenburg-Vorpommern. Wo stehen wir heute? Wie ist deine Einschätzung?
Christian Pegel:
Zunächst herzlichen Dank, dass ich hier sein darf. Und zweitens. Ja, 2012, 2013 hat das schon eine Rolle gespielt, da war das eher noch im Norddeutschen so ein spleeniges Thema. Also eine verrückte Idee, wo alle sagten: „Na, nu’ ist auch mal gut.” 2014, 2015 wurde es echt dynamischer. Ich kann mich erinnern, dass ich damals als junger Minister dem Ministerpräsidenten nahe gebracht habe. Da müssen wir irgendwie ran. Er hat gesagt: „Dann mach mal.“ Und schwupp, waren wir damals gemeinsam im Team Infrastrukturministerium mit nicht nur Straßen, Eisenbahnen und Wegen und Häfen, sondern es kam der breite Breitbandausbau dazu. Wenn ich aus der damaligen Position gucke, wir kamen aus unter 7 % von Menschen, die eine, ich sage mal Breitbandversorgung hatten, die zukunftsfähig wirkte. Heute sind wir bei deutlich über 60 %, dann sind da einfach Sprünge drin.
Und umgekehrt hat dann eine Selbstverständlichkeit gewonnen, die mich dann auch immer wieder beeindruckt. Wir haben jetzt, wenn wir fertig sind, in einigen Jahren 2,9 Milliarden Euro Bundes- und Landesfördermittel verbauen dürfen. Wenn man seit 1990 in die Investitionsgeschichte des Landes guckt, ist das für ein Thema so als strukturierter Prozess, der größte Investitionsaufschlag, den ein Staat in der Fläche in dieser Weise gemacht hat. Und am Ende haben wir auch ein bisschen Glück oder Pech gehabt, das darf man jetzt fassen wie man möchte. Mit der Corona-Pandemie hat natürlich viel von dem, was schon an Investitionen gelaufen ist, viel, was an Sensibilisierung da ist, sich noch mal verstärkt. Also, zu Hause arbeiten, zu Hause Schule machen. Neben den Dingen, die vorher schon klar waren, hat noch mal eine andere Dynamik gekriegt. Und wir merken, dass es in vielen Dörfern zwischenzeitlich mindestens so wichtig ist wie Strom, Heizungsanschluss und Wasser. Dass also bei Baugebieten ist für Familien, für Menschen, die sich anbinden wollen eine zentrale Rolle spielt. Und wir sind zwischenzeitlich bei deutlich über 260.000 Haushalten.
Wir haben gut 80 % der Schulen zwischenzeitlich ans Glasfasernetz angeschlossen. Alle anderen sind jetzt in den nächsten Jahren auch in der Pipeline. Und wir haben vor allen Dingen eine Vielzahl von Unternehmen reingeholt. Und auch das war ‘14, ’15, ‘16 eher mit einem Lächeln verbunden bei vielen. Die das Haupt so gewogen haben, ob wirklich jedes Unternehmen das braucht. Heute ist das für jede normale Vertragswerkstatt, Reparaturwerkstatt, Kraftfahrzeugwerkstatt relevant, weil die in der Regel ein Update all dessen, was die Autos heute da an IT drin haben, durchführen. Das heißt, ich brauche bei denen schon Riesen-Datenvolumen. In jedem Hotelbetrieb spielt das eine zentrale Rolle, in den Haushalten. Ich glaube, dass wir da einen Riesen-Sprung gemacht haben in dem, was wir erreicht haben.
Heute sind schon 1,5 Milliarden Euro an Bundes- und Landesmitteln im Invest. Das heißt, wir sind mehr als die Hälfte der Strecke schon gegangen. Wir wissen, dass wir weit über 260.000 Haushalte schon erschließen konnten. Und dass wir im bundesweiten Vergleich – wie gesagt, wir kommen aus unter 10 %, heute über 60 % quasi Breitbandanschlüsse haben, die zukunftsfähig sind. Das ist die entscheidende Frage. Und damit liegen wir über dem Bundesdurchschnitt. Wir waren 2013, ‘14, ’15 Bummelletzter und zwar einfach durch die dünne Flächenbesiedlung. Da hast du natürlich kaum Unternehmen, die das wirtschaftlich betreiben können. Das geht nur mit diesen breiten Förderungen. Aber da haben wir den echten Sprung gemacht und erleben das erste Mal ein Nord-Süd-Gefälle. Wenn man auf die gesamte Deutschlandkarte schaut, wo Norddeutschland insgesamt deutlich besser aufgestellt ist, als der Süden.
Mareike Donath: Ich erinnere mich an die damalige Aufzeichnung 2021. Du hast von 1,45 Milliarden gesprochen an Fördervolumen, was dann drin stecken wird an Bundes- und Landesgeldern, oder hilf mir noch mal. Sind wir jetzt fertig, habe ich das Gefühl? Haken dran? Wie viel Investvolumen wird jetzt drinstecken im Breitbandausbau?
Christian Pegel:
Damals waren es genau knapp unter 1,5. Da war man schon stolz wie Bolle im Übrigen. Das war schon ein Riesen-Erfolg. Das Geld, was wir damals erörtert haben, das ist verbaut. Aber der Bund hat dann Stück für Stück sein Förderprogramm erweitert. Lange Zeit konnten wir, wenn wir ehrlich sind, nur wirklich im ländlichen Raum mit diesem Geld bauen, weil die Voraussetzungen, was man alles nicht haben durfte, wie schlecht der Zustand sein musste, waren wir in den Städten typischerweise, in Anführungszeichen, zu gut, auch wenn da was zu tun war. Der Bund hat Stück für Stück mehr zugelassen, wo man dann ebenfalls mit Subventionen staatlich bauen darf.
Da ist in den letzten Jahren viel passiert, sodass wir heute eben beim doppelten Betrag sind, nämlich bei 2,9 Milliarden, die noch nicht in Gänze verbaut sind. Da werden wir die nächsten Jahre noch brauchen. Aber das, was wir vor einigen Jahren besprochen haben, die 1,5, die stecken heute, in Anführungszeichen, schon im Boden bzw. in den Glasfasernetzen. Und daher ist das einfach auch in Kilometern sind das 3/4 mal um den Äquator rum, wenn man das mal zusammenlegen würde direkt. Da sind echte Zahlen hinter und die haben sich eine Zeit lang auch in jedem Dorf, egal wo ich vorbeigefahren bin, bemerkbar gemacht. Als Minister darf ich viele Teile des Landes sehen, überall gucken diese Plastikleerrohre aus dem Boden. Da hat man richtig gesehen, wie da Dynamik rein gekommen ist.
Mareike Donath: Wir hatten jetzt das Thema Breitbandausbau. Ich erinnere mich, waren ja selber unterwegs im Ostseeraum, um zu schauen: Wie machen das die Vorreiterländer. Damals ist die Idee von euch entstanden. Das ist eine, Breitband liegt ja in der Erde. Aber es wird sich ja ein großer Veränderungsprozess ergeben für die Unternehmen, für die Bürgerinnen und Bürger, für Verwaltung, für Wissenschaft. Da wird ein Riesen-Changeprozess oder Transformationsprozess auf uns zukommen. Also damals geboren, die digitalen Innovationszentren ins Leben zu rufen, die Marke das „digitale MV” zu entwickeln, einen großen Digitalisierungsbeirat einzuberufen, Digitalisierungsbotschafter:innen zu ernennen. Das war alles gekoppelt an die Digitale Agenda 2018. Ich stecke ja zum Teil mit da drin, halte operativ die Fäden in der Hand. Aber mit deinem Außenblick. Das würde mich interessieren. Was hat es gebracht? Was sind sozusagen die Erfolgsfaktoren? Wie schätzt du das ein? Du bist draußen unterwegs. Wie nimmst du das wahr? War es wichtig, ist es wichtig? Kurz zusammengefasst: War das gut, dass das initiiert worden ist? Wie schätzt du das heute ein?
Christian Pegel:
Ich glaube, dass es total gut war, dass wir das initiiert haben. Erfolgsfaktor war für mich Menschen. Wir haben, als wir angefangen haben, ja schon auch Protagonisten im Land gehabt, die sich im digitalen Bereich engagiert haben. Viele von denen, nach meinem Gefühl, weniger ins Land hinein orientiert, sondern auf ganz viele Ankerpunkte in durchaus größeren Städten außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns. Weil der Eindruck entstand, dass da die Andockpunkte sind. Und ich glaube, dass es uns gelungen ist, euch vor allen Dingen als Stabsstelle, gelungen ist, die Arbeit im „digitales MV” gelungen ist, viele von denen zu vereinen, die auf dieses Thema Lust haben, über ganz unterschiedliche Bereiche. Geht von Wirtschaft, Start-ups bis in die Wissenschaft, in politische Bereiche, in Forschungsbereich hinein. Leute, die einfach das Thema gut fanden, eine Chance fanden, sich da engagieren wollten, alle Altersgruppen.
Ist auch alles Quatsch, dass wir da nur eine ganz junge Generation dabei haben. Ich glaube, dass das große Pfund ist, was ab 2017 ‘18 gelungen ist, diese begeisterungsfähigen oder schon begeisterten Beteiligten zusammenzubringen, auch wenn sie unterschiedliche Interessen im Einzelfall haben mögen und daraus etwas entstanden ist, was dann wieder das ganze Land im Blick behält. Man hat sonst in unserem großen Flächenbundesland schnell die Herausforderung, dass da auch ein Stück weit jeder erst mal bei sich selber bleibt. Und ich glaube, dass es gut gelungen ist, bisher alle Beteiligten zusammenzuhalten und auf die Art und Weise überhaupt mal sichtbar zu machen untereinander. Was haben wir eigentlich? Und das hat ein ganzes Stück weit auch nach meinem Gefühl zu Stolz, zu Identifikation mit dem Land und mit dem, was da entstanden ist, geführt und hat so eine Aufwärtsspirale ergeben, dass alle Beteiligten, die vorher vielleicht eher aus dem Land weggegangen wären als potenzielle Start-ups, dass die im Land geblieben sind, dass welche von außen auch reingeguckt haben, hierhergekommen sind und das auf die Art und Weise Netzwerk, das relativ gut verdrahtet ist.
Wir haben ja mit den Digitalisierungsbotschafterinnen und Botschaftern, aber auch im Digitalisierungsbeirat eine Vielzahl von Personen, die gar nicht zwingend alle aus dem Land kommen und wenn sie aus dem Land kommen, ganz oft sehr gut in die Republik und in Europa verdrahtet sind. Die also uns ein ganzes Stück weit Dinge reinholen und auch ein Bild rausgeben, was mal über das hinausgeht, was vielleicht klassischen oder beides, also der Strandkorb mit Breitbandanschluss, in dem ich mit einem Notebook oder wie auch immer arbeite. Das war ja die Vision, die ‘16, ’17 auch viele umgetrieben hat. Und ich glaube, dass wir das heute vielleicht nicht in konkret diesem Bild, aber in der Breite ganz gut repräsentieren. Und wenn man schaut, dass die NØRD sich über die Jahre zu einem echten Magneten entwickelt hat, wo zumindest alle einmal kommen mögen. Also auch die nicht Digitalisierungsbegeisterten hier im Lande würden immer annehmen, dass die alle nur chatten und sich SMS selber schreiben, dass diese Community eben auch genau das Analoge, das Zusammenkommen, das Netzwerken zu solchen Punkten total schätzt und daraus dann wieder Kraft entsteht. Das hat mich sehr beeindruckt.
Und das wirklich beeindruckendste war mal ‘20 oder ’21, ich glaube ‘20, in der aktiven Phase der Corona-Pandemie, in der tiefen Phase des Lockdown, des ersten oder zweiten großen Lockdowns, wo in ganz vielen Bereichen überhaupt nicht klar war, wo die Reise hingeht, viele Wirtschaftsbereiche sehr nachvollziehbar große Sorgen hatten, wie sehr ihnen das wehtut und wir ganz viele Runden hatten und in jeder dieser Runde war die große Sorge in jeder Ecke spürbar. Selbst von eigentlich sehr optimistischen Unternehmerinnen und Unternehmern. Und dann kann ich mich an eine Start-up-Runde erinnern, wo klar war, dass für die total schwer ist, zum Beispiel Finanzierungsrunden für die nächsten Weiterentwicklungsschritte mit Investoren überhaupt umzusetzen. Weil du oft die persönlichen Daten brauchst. Und das war die damals optimistischste Runde, bei dem beinahe alle sagten: „Ich kann jetzt meine Idee nicht so direkt weiterverfolgen, die muss ich ein halbes Jahr auf Eis legen. Aber ich habe da drei Ideen, weil jetzt in der Phase brennt es.”
Also, da war erstens deutlich, wie stark uns die Digitalisierung in so einer Phase hilft und wie viel Optimismus, wie viel Ideenreichtum, wie viel Lebensfreude da drinsteckt und so intrinsische Motivation, das nach vorne zu treiben. Und ich finde, das ist extrem gut gelungen in einem sehr kleinen Bundesland, also nicht flächenmäßig, sondern personenmäßig, wo sich alle gut kennen können, die zusammenzubringen. Und das wird sich auch bei der NØRD dieses Jahr wieder zeigen, dass die alle mit echter Begeisterung kommen und einfach auch sehr breite Ideen mitbringen und sich, obwohl sie gar nicht zwingend in dem jeweiligen Bereich unterwegs sind, gerne den anderen auch zuhören. Da gibt es eine große Neugier, auch in die anderen Bereiche hineinzuhorchen.
Mareike Donath:
Dann war es eine richtige Entscheidung, auch die digitalen Innovationszentren im Land so breit aufzustellen? Also nicht nur zwei Zentren zu haben, sondern tatsächlich sechs an der Zahl, an jedem Hochschulstandort oder dort, wo eine Hochschule ist, eine zu etablieren. Auch in Schwerin. Ich glaube, die Innovationszentren leisten für den Bereich Vernetzung vor Ort noch mal eine ganz wesentliche Rolle. Zumindest so der Gedanke. Wie siehst du das? Oder nimmst du das wahr?
Christian Pegel:
Ja, die Entscheidung nicht nur zwei zu machen, war richtig. Wobei man dann wissen muss: Als wir begonnen haben 2017 mit der Idee, hatten wir keinen Cent extra Geld, sondern mussten überlegen, wie es in den vorhandenen Haushaltsmitteln funktioniert. Und da waren die beiden Universitätsstädte erst mal mit schon vorhandenen jeweils Gründungsbereichen, das, was uns zuerst umtrieb. 2018 mit der Digitalen Agenda der Landesregierung war dann sehr klar: Wir wollen daraus sehr viel mehr machen. Die Landesregierung als Ganzes will dieses Thema im Land anpacken und damit waren dann Möglichkeiten, darüber hinauszugehen. Ich glaube heute, dass uns die sechs digitalen Innovationszentren als Ankerpunkte extrem weitergebracht haben, dass im Übrigen ganz viele, auch freischwebende Atome immer mal wieder binden. Also diejenigen, die in sehr großen Communities ehrenamtlich unterwegs sind, die als Start-ups ganz woanders unterwegs sein müssen, die das aber immer wieder als ihren Andockpunkt begreifen, wo sie was reinspielen, auch was rausziehen. Ich glaube, dass wir über diese digitalen Innovationszentren Veranstaltungen einen Sack voll Leute erreicht haben, die nicht so perfekt auf dieses Thema stehen, dass sie vorher schon dabei waren, die aber dem Grunde nach aufgeschlossen sind und die auch nicht permanent mit 100 % dabei sein wollen, aber die ja auf die Art und Weise mal zuhören, reinhorchen, auch wiederum zu Multiplikatoren fürs Thema werden.
Und am Ende des Tages haben sich die DIZ'en weitgehend ja mit uns gemeinsam unter das Dach „digitales MV” begeben. Ich glaube, dass es da gelungen ist, dass untereinander auch persönlich gute Drähte bestehen. Ich glaube ja immer, dass „Menscheln“ ganz wichtig ist. Wenn die Drähte persönlich gut sind, dann tauschst du Dinge aus, ohne eifersüchtig zu gucken, haben die anderen jetzt mehr davon als ich, sondern es war immer klar: Wir werden nur gemeinsam stark sein. Und die Ergänzung dann später um ein Teil, ich sage mal der kleinen dörflichen Strukturen hat uns noch mal mit den Coworking Spaces erneut in die Fläche gebracht. Und auch da haben die DIZ'en Verantwortung übernommen, in denen sie ja in der Regel bei sich Lotsen haben, die gerade bewusst auch im ländlichen Raum gucken. Also jeder, jedes der digitalen Innovationszentren ist ja nicht so ignorant, nur auf sich zu schauen, sondern war von Anfang an immer sehr klar, dass sie weit darüber hinausgehen oder eben auch in den ländlichen Räumen total coole Andockpunkte hast. Menschen, die manchmal ganz weit weg arbeiten, dort aber ihre Heimat gefunden oder schon immer hatten und die sich dann ebenfalls einbinden lassen und für uns eben auch eine Chance sind, als Land ganz woanders reinzuwirken. Also ich glaube schon, dass da so ein Spinnennetz Stück für Stück entstanden ist, deren Spinnen in der Mitte, die DIZ'en zusammen mit der Stabsstelle sind.
Mareike Donath:
Da steckt ja eine ganze Menge Kraft drin. Um das mal etwas konkreter zu benennen. Hast du ein gutes Beispiel vor Augen, wo dieser Innovationsprozess, den wir uns vorgenommen haben, tatsächlich funktioniert hat?
Christian Pegel:
Ich glaube, dass wir mehrere gute Beispiele im Lande haben. Aber ich würde oder ich habe mich immer besonders über die Beispiele gefreut, die in den Bereichen stattfinden, wo man es am wenigsten erwartet. Oder wo alle glauben, die haben es mit Digitalisierung gar nicht so intensiv. Für mich war immer Handwerk ein extremer Treiber in den letzten Jahren. Und da gestehe ich freimütig meine Vorurteilswelten ein. Das hatte ich am wenigsten erwartet. Aber ja, die werden eher später dazukommen. Die waren ein wichtiger Treiber. Und da haben wir ein tolles Beispiel bei der Handwerkskammer, die auch bei der letzten NØRD eine ganz zentrale Rolle eingenommen haben, in dem sie das gezeigt haben. In Ihrem Ausbildungszentrum versuchen sie für die praktische Ausbildung gewisse Dinge über digitale Prozesse abzubilden. Ich kann mit einer VR-Brille jemanden heute relativ unproblematisch, in dem Fall waren es, glaube ich Lakierarbeiten an Fahrzeugen üben lassen. Bevor ich ganz, ganz viel reale Fahrzeuge brauche, reale Farbe, kann ich erst mal die Grundhandfertigkeiten, Fähigkeiten in der Art und Weise ausbilden. Das kann man an ganz vielen Stellen tun. Ich kann mich erinnern, dass wir auch mal eine mit VR-Brille dargestellte Druckmaschine im Blick hatten, das ist schon ein paar Jahre her, war mal auf einer Messe. Da sollten also die Azubis dann die Druckmaschine auseinanderbauen, nicht mehr real, sondern dort, aber das CraftLab hatte eben die Idee, relativ viele digitalisierte Ausbildungsinhalte einzutragen.
Und wenn wir da hineinschauen, ist dem vorausgegangen ein Start-up, das genau mit diesen Überlegungen, ich glaube heute nennen wir es Gamification, das war zu dem Zeitpunkt nach meiner Erinnerung noch nicht so der ganz große Begriff, sondern es war völlig klar, dass die zurecht sagten, man kriegt über Digitalisierung Ausbildungsinhalte vermittelt viel leichter auch praktisch ausgeprobt, getestet, geübt, bevor es dann ins reale Leben muss. Das heißt, wir haben ein Start-up erlebt, dann sehr digital getriggert, das mit der Idee losmarschiert ist, nach meiner Erinnerung uns durchaus längere Zeit begleitet hat. Wir konnten gemeinsam auch in Helsinki Dinge zeigen auf der „Slush”. Und wir sehen hinterher, dass es dann in die reale Welt überführt wird. Und dass heute nach meinem Gefühl, die Handwerkskammer da auch bundesweit durchaus ein Vorzeigecharakter besitzt, indem sie eben sehr früh auf diese Dinge setzen und das immer noch weiter ausbauen, die bleiben da auch nicht stehen, sondern wir haben einen Digitalisierungsbotschafter, der dort quasi der Kopf dieser Initiative innerhalb der handwerkskammerlichen Ausbildung ist, der da aber lange nicht stehenbleiben will und dann sieht man, wie schön sich etwas von der ursprünglichen Idee, die alle für norddeutsch-spleenig positiv verrückt halten, zu einer echten realen Welt in einem Bereich, wo die Digitalisierung jetzt nicht von allen draußen in der großen weiten Welt sofort vermutet wurde, die damit aber einen Riesen-Erfolg haben.
Also, ich glaube, dass diese Beispiele sich gut anfassen lassen und wir haben davon mehrere. Wir schauen, und zwar in allen Landesteilen, ist auch nichts, was sich nur in ein oder zwei großen Städten abspielt. Und ich glaube schon, dass wir gut zeigen können, wie stark sich diese Start-up-Ideen und das Hineinlaufen in auch völlig andere Bereiche in tradierte Unternehmensbereiche abgebildet hat.
Mareike Donath:
Du hast das Thema schon mehrfach angesprochen. Die NØRD steht unmittelbar vor der Tür. Auch diese Folge werden wir unmittelbar vor der NØRD ausstrahlen. Natürlich interessiert mich ganz besonders: Worauf freust du dich am allermeisten?
Christian Pegel:
Am allermeisten freue ich mich tatsächlich auf die Menschen. Wir haben seit 2017, ‘18 wirklich, wirklich ganz, ganz viele aus allen Bereichen des Landes, aus allen Altersgruppen und nicht nur aus dem Land und jetzt auch ausdrücklich, die uns unglaublich wohlwollend und mit ganz viel Kraft begleiten. Und zwar ohne dafür was zu bekommen, sondern weil sie einfach an dieses Thema Digitalisierung glauben. Sie glauben an das Thema Digitalisierung in Mecklenburg-Vorpommern. Sie glauben ans „digitales MV”, glauben nach meiner Überzeugung auch an die Mitstreiterinnen, Mitstreiter, die sie um sich herumhaben. Und die treffe ich sicherlich immer mal vereinzelt. Aber dass die alle gemeinsam sind, das kriegen wir beim Sommerfest der Stabsstelle möglicherweise hin. Also, wenn das „digitale MV” einmal im Jahr versucht, zum Sommerfest einzuladen, kommen dann auch schon mal viele. Aber die NØRD war nach meinem Eindruck immer das große Klassen- und Familientreffen. Und dann ist es die Chance, viele, die ich sonst nicht so regelmäßig sehe, zu sehen. Ich glaube auch untereinander gilt das für die Beteiligten. Und diesen Mensch-Teil, diesen Netzwerk-Teil, finde ich großartig.
Und das zweite ist, dass mich jedes Mal sozusagen auch das eigene Land dann immer wieder überrascht. Ja, ich glaube schon, dass ich vieles mitbekomme. Ich glaube schon, dass ich vieles sehen darf, aber eben bei weitem nicht alles. Und ich freue mich dann immer wieder, wenn du dann irgendwo davorstehst und sagst: „Boah, euch habe ich jetzt beim Thema Digitalisierung irgendwann mal wahrgenommen, aber nie den jetzigen Arbeitsstand.” Oder ich nehme etwas völlig neu wahr und zwar auch wieder in allen möglichen Bereichen. Da ist in den letzten Jahren quasi jeder Bereich von der Schule über die Wissenschaft, über ganz viele verschiedene Unternehmensbereiche bis hinein in Verwaltungs- und Gesellschaftsdinge losgelaufen. Und wenn ich schaue, was wir da dann also an Vielfalt erleben. Und ich persönlich bin zumindest regelmäßig überrascht, ich darf hinter viele Türen gucken, aber da kriege ich dann auch mal mehr Türen auf einmal auf und das ist im Übrigen der Werbeblock. Also wer Digitalisierung in MV sehen will, muss die NØRD unbedingt nutzen. Man müsste unglaublich weit fahren im Land und da ist es quasi auf ganz wenigen Metern miteinander verbindbar. Also, die Menschen machen total Spaß und das Neue sehen, was mich selber überrascht, wo ich immer wieder denke: „Oh, wie konntest du das eigentlich verpassen?” Was da aber dann in dem Zwischenstand mal gut abbildbar ist. Ich habe den Eindruck, es kommen auch wieder alle, es wollen auch wieder alle und wir werden eher mehr als weniger sein als letztes Mal.
Mareike Donath:
Das hoffen wir und glauben wir auch und nicht nur. Da bin ich überrascht in den Anmeldungen, weil wir sehr operativ auf dem Tisch haben nicht nur Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch bundesweit, die Interesse haben, auf dem Marktplatz zu sein oder in die Workshops gehen. Wir haben vier Bühnen, die voll sind, sechs Workshopräume, die alle voll gebucht sind. Das ist unglaublich. Dennoch stelle ich immer beim Präsentieren der Veranstaltung fest: Die Vielzahl der Zielgruppen, die Vielzahl der Themen. Es ist ein Fluch oder Segen, aber die NØRD ist so, wie sie ist. Und tatsächlich ist manchmal die Frage: „Wollt ihr nicht nur KI machen oder wollt ihr euch nicht spezialisieren auf bestimmte Zielgruppen? Das macht es doch sicherlich einfacher?” Was würdest du antworten, sind wir da auf dem richtigen Weg?
Christian Pegel:
Ich glaube, dass wir unbedingt auf dem richtigen Weg sind. Das geniale an Digitalisierung ist ja, dass es nicht auf eine Altersgruppe fixiert ist, nicht auf einen Bildungsstand oder einen Berufshintergrund, sondern dass sie alle Menschen berührt und viele im Übrigen, wenn du sie fragen würdest, sagen würden: „Ich habe mit Digitalisierung nichts am Hut.” Um dir dann aber auf Mobiltelefon irgendwas zu zeigen und eine Nachricht zu schreiben und darauf eine Anwendung durchzuführen und zu Hause bei irgendeinem digitalen Fernsehangebot reinzugucken. Also, viele nehmen ja gar nicht mehr wahr, wo sie an der Digitalisierung teilnehmen. Digitalisierung ist – das Tolle ist – ein echtes Querschnittsthema. Das macht es total schwer für die NØRD, gar keine Frage.
Aber umgekehrt holt es sozusagen alle zusammen und verbindet über gewisse technische Parameter auch alle. Ich glaube, dass da so ein wirklich noch gemeinsamer Punkt drinsteckt, der uns manchmal erschrickt in den sozialen Medien, aber umgekehrt sich auch da eben alle auf gewissen Plattformen rumtreiben. Da maximal noch ein bisschen nach Alter differenzieren, aber das ist die Herausforderung, keine Frage. Aber auch die Chance. Digitalisierung umfasst alle und das ist mit dem „digitalen MV” eben auch gelungen, uns nicht auf ein Thema zu setzen. Wer das will, der geht dann auf die spezielle Messe für dieses oder jenes Thema. Sondern ich glaube schon, dass viele genau deshalb kommen, weil sie über den eigenen Tellerrand bewusst hinausgucken wollen und das auch bei uns wertschätzen. Und umgekehrt eben sich auch freuen, dass sie jemanden per „Du“ kennen aus einem Themenfeld, das sie sonst nie erlebt hätten vorher, sondern über dieses „digitale MV”, über die Digitalisierung kennengelernt haben und da auch immer mal neugierig reinhorchen, wie da eigentlich die Entwicklungen sind. Von daher glaube ich, genau das bleibt der Spagat, die Herausforderung, aber eben auch die Chance und den Reiz. „Digitales MV” und Digitalisierung. Alle können dabei sein, alle sind auch dabei.
Mareike Donath:
Ich denke hinterher immer, man hört durch Zufall die Geschichten. Dann habe ich den kennengelernt. Daraus hat sich das ergeben und das mal einfach in geballter Ladung so eine Art Nachklapp zu haben. Was hat denn die NØRD gebracht? Das bewegt mich. Aber irgendwie habe ich immer nicht die gute Idee. Wie kriege ich das jetzt irgendwie festgehalten, dass man klarmacht oder wollen wir wissen, wenn es die NØRD nicht gegeben hätte, ja, was hätte sich daraus ergeben?
Christian Pegel:
Eigentlich brauchen wir ein digitales Gästebuch, wo wir die Leute bitten, zu sagen, schreib genauso sowas mal auf. Wie mancher da war beim Klassentreffen 33 Jahre später, sagt: „Puh, was ist aus der oder dem geworden? Oder habe ich überhaupt nicht mitverfolgt.” Ich glaube in der Tat, dass dem so ist. Mir ist immer sehr ein Beispiel vor Augen. „Harti” Schleifer, auf der Insel Rügen, ganz klassischer IT’ler, Digitalisierer, der dann eben über den Kontakt in den Tourismus sicherlich auch eine menschliche Bindung an die weiße Flotte in Stralsund gerät. Und am Ende entwickelt sich aus einem kleineren Thema. Ich habe in Berlin Schiffe laufen, die mit Solar laufen, mit Batterien und muss die eigentlich überwachen. Entwickelt sich ein ITl'er in die Schifffahrtstechnologie hinein und Schifffahrt wiederum wird reingeholt ins Digitalisierungsthema. Das sind ja alles Dinge, die genau über solche Verknüpfungen und zufälligen Begegnungen entstanden sind. Und die könnten wir in der Tat dutzendfach fortsetzen.
Von daher „Ja“, genau deshalb glaube ich es ist gut, da eben keine Fachmesse für irgendein Spezialthema draus zu machen, sondern die Breite ist es. Und das beim Bier oder Wein oder Kaffee oder Tee ist mir völlig wurscht. Das Schnacken und jemandem Zuhören und die eigene Idee weiterentwickeln ist in der Regel bei den Start-ups im Digitalisierungsbereich die große Leistung, dass die aus, auch wenn sie aus einem Themenfeld gar nicht kommen, aus einem genialen Anknüpfungspunkt relativ schnell was rausfiltern, was vielleicht eine Erleichterung sein könnte. Das ist das Großartige an Digitalisierung, sie macht das Leben an vielen Stellen leichter. Wir ärgern uns manchmal drüber, aber eigentlich macht sie ganz vieles leichter und diese erahnen, ohne dass ich in irgendeinem Thema tief drin stecke. Wenn ich jemand zuhöre, wo dessen Hemmschuh momentan sind und zu überlegen kriege ich mit dem Digitalisierungsangebot es einfach leichter gemacht? Und dann hole ich in allen möglichen Dingen Themen ab und umgekehrt eben auch Menschen. Und ich glaube, das ist das, was oft zufällig sich so zusammenmatched.
Mareike Donath:
Absolut, das kann ich nur unterstreichen. NØRD ist ja alle zwei Jahre, dann 365, 24/7 die Innovationszentren, die genau versuchen, die ja das Experimentelle oder Zufällige irgendwie zu strukturieren und zu professionalisieren und zu automatisieren. Das ist doch meines Erachtens nach kein einfacher Prozess, der schon wie geschnitten Brot läuft. Ich glaube, tatsächlich dauert das auch noch seine Zeit, ehe sich dafür ein Ansatzpunkt gefunden hat, sich mit dem digitalen Wandel zu beschäftigen. Das ist noch nicht bei allen so und wir hoffen ganz einfach auch tatsächlich mit der NØRD und mit den Innovationszentren gemeinsam da gut anzusetzen. Und tatsächlich, wie heißt es so schön: Alles hinterm Ofen hervorholen. Ich freue mich immer noch auf die Begeisterung, die du sozusagen ja auch in der politischen Verantwortung für das Thema trägst oder innnehast. Hast du Dinge, die du uns mitgeben möchtest, zu sagen: Das ist ein Punkt, den würde ich mir noch wünschen, da könntet ihr noch mal hingucken.
Christian Pegel:
Ich glaube, dass da wo wir heute hingucken, morgen schon was veraltet ist. Deswegen auf deine Hinweise eben würde ich vorsichtig mein Bauchgefühl zurückgeben. Dieser Prozess wird nie perfekt sein und nie fertig sein, weil sich die Bedingungen drumherum immer verändern. Also ‘16, ’17 war künstliche Intelligenz noch sicherlich ein Thema, aber sehr weit weg. Zwischenzeitlich schwingt das zwischen allen Zeilen und das ist vielleicht der einzige Wunsch, den ich immer an uns selber habe: Wir müssen auch ein bisschen aufpassen, dass wir den typischen Buzzwords nicht alleine hinterherlaufen. Ich glaube, das haben wir in der Vergangenheit übrigens immer gut hingekriegt und kriegen wir aktuell gut hin. Und sie wissen, da ist eine Chance drin.
Aber KI wird nicht alle Themen lösen und KI ist auch jetzt nicht so weit, dass sie alle Menschen ersetzt, aber sie als Chance immer wieder zu implementieren, die Weiterentwicklung zu verfolgen, auch zu merken, da geht was weiter und das immer mal wieder in unsere Prozesse reinzuholen, das ist, glaube ich, das, was das „digitales MV” und auch die verschiedenen Beteiligten sehr ausgezeichnet hat. Und da müssen wir nach meiner Überzeugung Acht drauf geben. Die Überschriften sind immer alle total schön. Wir wollen ja am Ende auch Output haben und der steht ganz stark darüber, dass man sich nicht nur auf die einzelnen schnellen Worte stürzt. Und da habe ich den Eindruck, dass die Digitalen Innovationszentren in der Tat in den letzten Jahren immer eine große Leistung vollbracht haben, dass die den Trend, soweit ich es sehe, nie verpasst haben. Also, die verschiedenen Trends, sich die auch manchmal aufgeteilt haben, weil man gar nicht so sehr wusste, wo geht jetzt eine Reise irgendwo hin.
Und umgekehrt eben auch Acht gegeben hat, dass man sich nicht nur von Überschriften oder schnellen Worten hat leiten lassen. Das, glaube ich, bleibt die Herausforderung bei diesen Themen, die sehr schnell im Wandel unterlegen sind, immer. Du kannst einfach keinen perfekten Prozess für Disruption erfinden. Da gibt es sicherlich Dinge, die das unterstützen können. Aber am Ende des Tages gibt es nicht den einen Weg, der jedes Mal zielführend ist, sondern wir werden ganz oft Dinge ausprobieren, um bei wenigen Fällen, die total geniale Explosion zu haben, und bei anderen Fällen wieder weiter zu lernen. Und diese Motivation sich aufrechtzuerhalten, dass das trotzdem am Ende stehen kann, das schon der Prozess der Weg ist, ja also schon das ein stückweit das Ziel das Ergebnis sein muss. Das ist glaube ich etwas, was uns in den letzten Jahren ganz gut als Begeisterung gelungen ist.
Mareike Donath:
Wir haben ja gerade die aktuellen Diskussionen, die hochlaufen sozusagen. Wo stellen wir auch Grenzen der Digitalisierung wahr oder wo tut es uns nicht gut? Und dann die Handlungsempfehlung, zu sagen, jetzt, da müssen wir hingucken und das sichtbar machen und eine Regelung treffen, siehst du ja erst im Prozess. Siehst du ja nicht, wenn du sagst, ist ja nicht wie ein Projekt, wo du sagst in fünf Jahren sind wir da und da, sondern man fängt an, man transformiert und dann merkt man, da kommt man an Grenzen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen geändert werden und, und, und. Das beschäftigt uns tatsächlich sehr, auch die letzten Tage. Auch bei den Botschafter:innen. Wohin führt das Ganze? Und darum geht es auch beim aktiven Gestalten nicht nur nach. Genau wie du gesagt hast, nicht nur Chancen zu sehen, sondern zu sagen, wo sind Grenzen und lösungsorientiert. Wo muss man nachjustieren? Wo können wir etwas anderes gestalten? Anders einsetzen? Und nach wie vor glauben wir daran, dass wir das tatsächlich vieles gemeinsam mit eigener Kraft gestalten können. Das würdest du auch so unterschreiben? Christian Pegel:
Würde ich total unterschreiben. Ich glaube, dass da ganz viele Nischen sind, die immer für ein kleineres Bundesland machbar sind. Und selbst in den großen Themen gibt es immer auch Dinge, wo man Pflöcke einschlagen kann. Und da werden wir auch immer mal wieder Misserfolge haben. Aber das hat gar nichts mit der Bundeslandgröße oder der eigenen Ideengröße zu tun. Und zu guter Letzt wird uns mal Technik überholen. Also, es gibt dann einfach einen neuen Trend. Die Leute gucken auf was anderes. Dann kann ich mich 30-mal auf das eine soziale Medium eingestellt haben. Wenn das andere gerade alle abhängt, werden wir Veränderungen vornehmen müssen. Aber mein Gefühl ist, dass genau diese Breite der Community, die sich mit uns engagiert im „digitalen MV” dazu beiträgt, dass da auch immer wieder diese Impulse reinkommen, weil ja jeder woanders angedockt ist und was mit zurückbringt und sagt: „Da gibt es aber gerade eine neue Entwicklung, die müssen wir miteinander im Blick behalten.”
Und mein Eindruck war auch, dass es in den letzten Jahren gut gelungen ist, zu einigen im Ostseeraum immer wieder die Kontakte zu behalten und man muss den baltischen Staaten, die skandinavischen Staaten, den nordischen Ländern deutlich zugutehalten, die sind noch mal stärker an diesen Trends dran, als es Deutschland zuweil mit seiner größeren Vorsicht ist. Das ist dann vielleicht auch menschenimmanent und ich habe auch da den Eindruck, dass wir immer tolle Inputs bekommen. Also in diesem Ostseeraum ist ein Bundesland unserer Größe mit seinen alten traditionellen Verbindungen nach meinem Gefühl gut angedockt, auch gerade im digitalen Bereich. Da haben wir schon auch eine Menge Korrespondenz und Diskussionspartner, zeigt sich das ja auch an der Teilnehmerzahl, an den Gästen, die wir haben dürfen, auf der NØRD.
Mareike Donath:
Absolut. Da dürfen wir verraten: Lettland, Estland, Dänemark und Finnland – gerade weil ich die aktuelle Planung nochmal gesehen habe – sind alle mit an Bord und da freuen wir uns riesig.
Christian Pegel:
Und ein Teil von denen ja nicht das erste Mal und umgekehrt eben auch in Besuchen, Veranstaltungen vorher schon eingebunden. Und unsere ersten Rantastbemühungen an diese Frage: „Wie können digitale Innovationszentren wirken? Wie kann man so digitalen Raum aufbauen?” So eine Gemeinschaft, haben uns nach Finnland geführt. Dann haben sie uns nach Estland geführt, also da ist auch Input durchaus hergelaufen. Das will ich auch ganz deutlich eingestehen. Aber die sind eben bereit, mit uns auf Augenhöhe zu diskutieren. Das finde ich eine der schönen Wahrnehmungen, dass in diesem Digitalisierungsbereich es wenig Beteiligte gibt, die glauben, sie seien per se allen anderen überlegen. Ich habe den Eindruck, das da alle wissen, dass das ein ständiges, kluges Miteinander auf Augenhöhe sein muss, damit man immer wieder dranbleibt.
Mareike Donath:
Christian, wir haben jetzt viel über Entwicklungen im Land gesprochen. Aus deiner Perspektive: Was für Projekte oder Ideen haben ihren Weg gefunden, die auch bundesweite Sichtbarkeit erlangt haben?
Christian Pegel:
Ich glaube, dass wir tolle Wirtschaftsbereiche haben, auch Start-up Bereiche, die weit aus der Start-up Phase herausgewachsen sind. Wenn ich jetzt auf uns als Land und Landesverwaltung schaue, bin ich extrem dankbar und stolz auf das, was die Kolleginnen und Kollegen aus dem Digitalisierungs- und Baubereich zusammen erreicht haben. Der Versuch, in Deutschland alle Verwaltungsleistungen, Dienstleistungen, Aufgaben immer zumindest auch digital anzubieten, hat dazu geführt, dass vor vielen Jahren die Bundesländer sich in so große Themenfelder aufgeteilt haben.
Die Idee war: Einer macht es und alle anderen können es übernehmen. Wenn sie wollen. Aber es ist zumindest die Möglichkeit einer für alle. Für so ein kleines Bundesland wie unseres mit einem durchaus strapazierten Haushalt ist das unglaublich hilfreich. Macht überhaupt keinen Sinn, alle Wagenräder noch mal selber zu erfinden. Wir haben im Baubereich uns vor allen Dingen an die digitale Baugenehmigung gemacht. Da hatten wir die günstige Konstellation, dass wir Digitalisierung, Verwaltungsbereiche und Bauen als Thema tatsächlich in einem Ministerium haben. Das macht die Schnittstellen-Fragen etwas leichter, weil die Kolleginnen und Kollegen alle in einem Haus sitzen und haben einen Aufschlag hingelegt, der zwischenzeitlich bundesweit echte Beachtung erfährt. Dieser digitale Bauantrag hat a) dafür sogar Preise gewonnen. Ich bin immer beeindruckt, was die Kolleginnen und Kollegen sozusagen auch an Kraft da investiert haben. Die Überlegung war damals: Wenn man so etwas macht, da muss es irgendwie auch hinterher schöner, leichter und einfacher sein. Dafür haben die so einen digitalen Vorgangsraum entwickelt. Das ist das Kernstück mit der Idee, dass der Bauherr, der ja in der Regel selbst auch Laie ist.
Mareike Donath:
Warte ganz kurz, was meinst du mit digitalem Vorgangsraum für unsere Zuhörerinnen und Zuhörer? Christian Pegel:
Genau den will ich gerade versuchen mit dem zu umschreiben, mit der praktischen Seite. Ich habe quasi eine digitale Bauakte für das Bauprojekt Christian Pegel, die der Bauherr anlegt und wo er aber gar nicht mehr großartig mitwirken muss, sondern er kann seinem Architekten Zugang verschaffen mit einem Statiker und einem von mir aus Brandschutzsachverständiger, oder was weiß ich noch alles. Die arbeiten alle in die Akte rein und solange geht es die Behörde aber noch nichts an. Er arbeitet aber quasi schon auf dem Server der Behörde. Man muss nicht irgendwo anders digital sammeln, sondern das ist die digitale Sammelstelle, ist zunächst dieser digitale Vorgangsraum.
Wenn der Eindruck entsteht, jetzt ist der Antrag rund und reif, drück ich auf den Knopf und er geht in die Behörde. Und auch da wird er jetzt nicht wieder ausgedruckt und auseinandergefriemelt, sondern bleibt konzentriert im digitalen Vorgangsraum. Und das, was bei einem Bauantrag typischerweise passiert, das ja nicht nur das Bauamt, das alle vor Augen haben, gewisse baurechtliche Fragen anguckt, sondern im Zweifel die Feuerwehr daraufguckt, der Denkmalschutz draufgucken mag. Manchmal die Wasserbehörde, der Naturschutz und die Liste können wir jetzt noch deutlich länger fortsetzen. Die früher alle Kopien bekamen, mit der Folge im Papier habe ich im Zweifel zwölf Aktenordner alles gleich eingereicht, damit die in die Behörden verteilt werden können. Das tun die heute alle im gleichen Vorgangsraum in der gleichen Akte.
Man kann also auch relativ gut mitkriegen, was denken die anderen gerade? Ich habe eine gute Chance, zu steuern und reinzugucken und über diesen digitalen Vorgangsraum flanke ich im Zweifel auch rein digital meine Fragen, meine Anregung, alles das, was den Bauherren oder den Architekten oder den Statiker berührt, zurück. Habe also eine sehr konzentrierte digitale Arbeitsform. Das ist nach meinem Eindruck durchaus auf so viel Wohlgefallen gestoßen, dass das Bundesinnenministerium und andere überlegen, ob sie die Grundidee auch in Dingen, mit denen das Bundesland zunächst gar nichts zu tun hatte, weil wir da nicht der Federführer waren, ins Bundesemissionsschutzrecht oder in andere große Planungs- und Genehmigungsverfahren überträgt. Wir zumindest können sagen: Im Bauordnungsverfahren haben wir jetzt alles einmal durchdigitalisiert, haben 13 Bundesländer uns inklusive, die mitmachen. Damit dürfen wir eines der erfolgreichsten, einer für alle Projekte momentan sein.
Sehr beeindruckt hat mich Baden-Württemberg, ein Bundesland, das entspannt mit eigenem Geld sowas selber entwickeln könnte, die kürzlich über 300 Baubehörden da in einem Hauruckverfahren reingebracht haben. Und das siehst du dann auf den Servern, die wir als Bundesland weiterhin für alle betreuen, dass du da auf einmal in tausender Kohorten hochlaufen, siehst, wie Bauanträge drüberlaufen und wie einfach Geschwindigkeit reinkommt, Dynamik und Service reinkommt und die Kollegen eben nicht stehenbleiben. Die Begeisterung für die Idee bleibt, die jetzt zusammen mit mehreren anderen Bundesländern und dem Bund überlegen, wie du künstliche Intelligenz einpflegst. Bevor jetzt alle ganz laut schreien. Da geht es nicht darum, dass man sofort nur noch von der KI die Baugenehmigung bekommt. Aber du kannst unglaublich viele Vorprüfungen durch Rechner, durch Algorithmen mit künstlicher Intelligenz immer weiter verbessert durchführen.
Wenn du das tun willst bei Bauanträgen und Baugenehmigungsanträgen, musst du ganz oft in einen B-Plan gucken, musst dir eine Umgebung angucken, da müssen Dinge zusammenpassen. Da kann ich also mit KI in sehr unterschiedlich geschriebenen Bebauungsplänen, weil jede Kommune die selber macht, da hat jeder so seinen Stil. Da müssen Grunddinge drin sein, aber die verstecken sich nicht immer an den gleichen Stellen. Ich kann also mit einer KI die Dinge rauslesen, kann auf die Art und Weise die Algorithmen unterstützen, Vorbereitungen treffen und kann mich immer weiter reinhangeln, viele Dinge abzunehmen und der Sachbearbeiter, die Kolleginnen und Kollegen der Verwaltung kriegen da nur noch Dinge rausgefiltert, wo eine menschliche Entscheidung ranmuss oder wo man dann Ermessen eintreffen muss. Von daher ist das immer noch im Fluss.
Ein Riesenthema. 13 Bundesländer dabei, viele 10.000 Anträge zwischenzeitlich im letzten Jahr drüber gelaufen sind und mit einer echten Fortentwicklungsperspektive. Und ich erlebe Kolleginnen und Kollegen, die das mit Herzblut tun. Und man traut es der Verwaltung, wenn man von außen guckt, immer gar nicht zu, dass die so eine Innovation hinkriegen. Und ich erlebe eben auch, eine der Kollegen ist zwischenzeitlich im Ruhestand, ich erlebe auch, wie Leute, die sagen, ich bin 35 Jahre im öffentlichen Dienst, noch mal wieder Lust haben, also sagen. Wir knüpfen gerade das Arbeiten von öffentlicher Verwaltung von einer völlig neuen Stelle an und freue mich darüber, dass ich daran mitwirken darf. Also ich erlebe auch eben Kolleginnen und Kollegen in allen Altersgruppen, die das mit Begeisterung vertreten. Von daher ein tolles Beispiel dafür, wie einer für alle anderen etwas machen kann. Und umgekehrt, wie aus diesem Land heraus dann etwas wächst, was viele andere jetzt jeden Tag anwenden.
Mareike Donath:
Der digitale Bauantrag wird auch bei der NØRD vorgestellt werden und da freue ich mich über den Bogen. Christian, wir kommen zum Ende des Gesprächs. Hast du noch ein Appell an die Community, an unsere Zuhörer:innen und Zuschauer:innen? Bevor ich zur Abschlussfrage komme.
Christian Pegel:
Ich glaube, wenn ist es eher ein tiefer Dank.Wir haben im „digitalen MV” ganz viele beteiligte Protagonisten, egal ob sie Digitalisierungsbotschafterinnen und Botschafter sind, ob es der Digitalisierungsbeirat ist, aber auch ganz viele, die außerhalb dieser formellen Einbindung ständig mitwirken. Die Kolleginnen und Kollegen in den digitalen Innovationszentren, euch in der Stabsstelle, die das Ganze immer wieder zusammenhalten, aber eben ganz, ganz viele, die einfach mit Herzblut dabei sind, ohne dass sie davon materiell was haben. Ich hoffe, dass sie alle das Gefühl haben, dass sie an einer klugen, guten Sache mitarbeiten. Aber ich habe vor allen Dingen tiefen Dank und der Appell oder meine Hoffnung ist, dass wir ganz viele weiterhin bei uns wissen dürfen, weil dieses „digitales MV” der Erfolg, den wir damit in einem überschaubar großen Bundesland von der Personzahl her, von der Menschen-Einwohnerzahl eher erzielen, hängt ganz, ganz stark an dieser sehr breit getragenen Community. Und wenn die uns wohlgesonnen bleibt, wenn die sagt, wir machen weiter mit Ideen, mit Lust, dann haben wir auch eine Chance, diesen Weg erfolgreich fortzusetzen. Von daher vielen, vielen Dank und der leise Appell: Bleibt bitte dabei.
Mareike Donath:
Dann ist MV für dich ein Zukunftsland?
Christian Pegel:
MV war für mich immer ein Zukunftsland, aber hat mit dem Breitbandausbau, mit der Digitalisierung als dünn besiedeltstes, gemessen an der Bundesrepublik Deutschland, Bundesland nach meiner Überzeugung noch mal Riesen-Chancen bekommen. Und ich bin überzeugt, dass das auch eine Renaissance des ländlichen Raums als qualitativ sehr hochwertigen Wohnraum ist. Und wir erleben es, dass nach 2020, ‘21 die Nachfrage auch gerade aus großen Städten, doch noch mal zu überlegen: „Muss ich das eigentlich noch? Will ich das noch?” Zugenommen hat und wir überall da, wo wir digitale Angebote machen können, wo Berufe das auch zulassen. Aber da hat ja auch ein Sprung stattgefunden, dass ich eben nicht mehr jeden Morgen meine Bürotür auf und abends wieder zuschließen muss, dass wir an den Stellen wirklich als Wohn- und Lebensstandort mit der unglaublich großen Lebensqualität dieses Bundeslandes, dass wir dieses „MV tut gut” mit digitaler Verbindung dazu bringen, dass Menschen sehr viel stärker sich auf das Land konzentrieren. Von daher ist das ein Zukunftsland im Haptischen, aber natürlich auch im Digitalen.
Mareike Donath:
Christian, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
Christian Pegel:
Ich danke fürs Interesse.