Mareike Donath:
Hannes Trettin, Digitalisierungsbotschafter des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Gründer. Wir haben uns im Vorfeld auf das „Du” geeinigt. Logisch. Herzlich willkommen hier beim Podcast von „digitales MV”. Hannes, wir haben gerade noch mal geschaut. Es war Anfang 2021, wo wir uns über Projekt Bay unterhalten haben. Du warst gerade mitten in der Initiierungsphase. Und wir haben über die Möglichkeiten gesprochen, die sich für Mecklenburg-Vorpommern ergeben, Chancen für den digitalen Wandel. Heute sitzt du hier. Ich weiß natürlich, dass sich viel ergeben hat, aber für unsere Zuhörer:innen und Zuschauer:innen: Die letzten vier Jahre, was hat sich bei dir getan? Wie hat sich das Projekt weiterentwickelt? Herzlich willkommen!

Hannes Trettin: 
Erstmal vielen, vielen Dank, dass ich hier sein darf, Mareike. Ja, es hat sich, glaube ich, sehr, sehr viel verändert, weil wir damals, 2021, als du da warst, das erste Corona-Jahr hinter uns hatten. Ja, Öffnung, Workation, also Arbeiten und Urlaub miteinander zu verbinden. In der Zeit, wo wir darüber reden, dass Leute gar nicht rausdürfen und da viel an Veränderung einfach auch  persönlich bei vielen Leuten stattgefunden hat, haben wir aber gesagt: „Achtung, wir müssen genau diese Zeit jetzt nutzen.” Und haben uns überlegt, was gibt es an Playerinnen und Player in der Region? Haben euch da ja auch sehr stark kennengelernt. Ihr wart ja auch ein Grund, warum wir zurückgekommen sind nach Mecklenburg-Vorpommern. Ist ja auch immer ein Punkt, dass wir ja lange Zeit auch weg waren. Und dass „digitales MV” uns dabei mehr oder weniger geholfen hat zurückzukommen, in diese Community ja irgendwie auch reinzukommen. Und die Zeit haben wir natürlich genutzt, um halt auch so ein paar Sachen zu sehen, wo wir selber unterstützen wollten. Also Lücken identifizieren, wo das „digitale MV” beispielsweise auch sagt: „Ey, das ist jetzt nicht unser Kernbereich, da können wir jetzt vielleicht gar nicht unterstützen oder sollten wir auch vielleicht gar nicht.” Und haben dann festgestellt, es gibt noch nicht so dieses Start-up Ökosystem, was wir uns gewünscht haben. Also, was kommt nach der ersten Gründung, was kommt nach der ersten Phase? Weil, da gibt es ja dann ein paar Themen, die dann Richtung Finanzierung gehen. VC’s und Mecklenburg-Vorpommern
ist jetzt noch nicht das VC-Land, wird sich wahrscheinlich verändern.

Mareike Donath:
VC steht für Venture Capital?

Hannes Trettin:
Venture Capital, Risikokapital. Genau. Also alles, was dann irgendwie nach Förderungen usw. letztendlich auch kommt. Und dann haben wir gesagt, dann lass uns doch so etwas aufbauen. Jetzt haben wir 2025, ‘26 bald und es ist so, dass wir Founders Bay gegründet haben ’21. Also kurz, nachdem du da warst und jetzt schon über 60 Start-ups in ganz Deutschland betreut haben, von Rügen, total absurd.

Mareike Donath:
Das ist euer Gründer-Programm, euer Start-up-Programm.

Hannes Trettin:
Genau. Das ist unser Start-up-Programm. Dann haben wir auch zu der Zeit gesagt, irgendwie fehlt auch Kapital. Dann haben wir uns mit einigen Akteuren aus Mecklenburg-Vorpommern durch das „digitales MV” zusammengetan und haben halt gesagt: „Dann lass uns doch ein eigenes Vehikel auch gründen, also ein Unternehmen, wo wir halt sagen, wir können investieren in diese Start-ups, in diese Unternehmen, die jetzt da existieren und haben dann mit Baltic Incubate auch ein Business Angel Club aufgebaut. Also wieder Menschen, die Geld investieren,  um Start-ups zusammenzuführen. Dann kam noch vieles, vieles mehr, wo wir gesagt haben, wir müssen dieses Ökosystem einfach größer denke und schauen, wo wir unterstützen können. Dass es halt als große „digitales MV”-Familie dann irgendwie auch funktioniert und wir halt einfach gucken, was das geht.

Und einen Punkt noch: Das ist auch rausgegangen aus Mecklenburg-Vorpommern, weil wir halt irgendwann auch gesagt haben: „Achtung, dieses ganze Know-how, dieses ganze Wissen, was wir hier mit euch aufgebaut haben, zusammen, das fehlt in anderen Regionen auch. Und ich glaube, dass wir mit breiter Brust rausgegangen sind und gesagt haben, die Defizite, die wir bei uns im Land gesehen haben, angepackt haben und auch noch immer noch anpacken, also ist ja noch vieles zu tun, gibt es in anderen Regionen auch. Und es war mir eine Freude, mit viel Know-how rauszugehen  und zu sagen das kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und dann beispielsweise auch mal dich zu kontaktieren und zu sagen:  „Ey, wir sind hier gerade auf einem Termin in Brandenburg, hast du nicht mal Lust, dass wir da uns auch austauschen?” Und das war sehr, sehr viel, was in den letzten Jahren passiert ist durch diese gemeinsame Arbeit halt auch.

Mareike Donath: 
Diese vielen helfenden Hände. Es ist das „digitale MV”, die Technologiezentren, Baltic Incubate. Wir haben ja auch schon einige Gäste hier gehabt, die in dem Bereich unterwegs sind. Ich finde das so spannend und so wichtig und ihr macht diese unheimlich tolle Arbeit, dann vor Ort miteinander Hand in Hand zu arbeiten und die Teams gut zu begleiten. Zwei Fragen an der Stelle: Ich gehe noch mal kurz auf das Founders Bay Programm zurück. Wie sieht das genau aus? Was muss man darunter verstehen. Wie läuft so ein Start-up-Programm ab bei euch?

Hannes Trettin:
Also bei uns ist es – und das ist auch der Unterschied – wir fokussieren uns auf ländliche Räume. In der Regel kennt man das eher so, dass solche Programme in Berlin, Hamburg, München oder jetzt auch in Rostock einfach sind. Wir haben gesagt, wir gehen in ländliche Räume, versuchen dort Teams zu identifizieren, die Impact Ideen verfolgen, also Gemeinwohlorientiert oder in Green Tech. Und dann bieten wir ihnen sechs Monate ein Programm an, wo du als Gründerin und Gründer hinkommst und sagst, was dir fehlt. Und nicht: Wir haben hier ein Schulprogramm  aufgebaut für dich und dann musst du das jetzt irgendwie abarbeiten.

Mareike Donath: 
Schein A 2, 3, 4. Okay.

Hannes Trettin:
Genau, und das machen wir halt nicht, sondern wir haben gesagt, wir suchen die richtigen Leute für dich. Die richtigen Mentoren aus der Start-up Szene. Wir haben da Leute von Komoot dabei, wir haben Leute von thermondo, Quorum keine Ahnung, was von den erfolgreichen Start-ups der letzten Jahre, die sich dann mit dir hinsetzen und wir wirklich gucken, was sind deine Defizite? Brauchst du finanzielle Mittel, dann helfen wir dir in einer Finanzierungsrunde. Brauchst du gerade aber Sales, dann müssen wir dir Marketingleute ranholen, die dir dabei wirklich helfen. Weil ab einer gewissen Phase als Gründerin und Gründer hilft dir ein schulisches Programm nicht mehr, dann bist du da durch, dann macht dich das unzufrieden usw. Und das wollten wir halt nicht. Und dann halt eben auch noch mit dem Fokus ländlicher Raum. Das war für viele sehr überraschend,  muss man sagen.

Mareike Donath: 
Hast du konkrete Beispiele für uns, damit man es verstehen kann. Also, wer kommt zu euch und was ist aus ihnen geworden? Nur ein Beispiel reicht vielleicht aus oder du hast sicherlich noch viel mehr Beispiele. Da freuen wir uns über ja die Teams, wo  man sagt: „Ah ja, das wusste ich gar nicht. Die sind durch den Prozess gelaufen, das ist ja cool.”

Hannes Trettin:
Also aus Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise, weil wir irgendwann auch gemixt haben 50 % MeckPomm und 50 % bundesweit. Cell2Green, das ist ein Start-up, wo damals ein Professor vor mir stand und mir erzählt hat, er hat hier die neue Folie entdeckt und der Herstellungsprozess ist nachhaltig und alles ist biologisch abbaubar. Aber wir kommen gerade nicht zur Finanzierung. Uns fehlt da wirklich ein bisschen das Know-how, wie wir jetzt vorgehen. Wen sollten wir ansprechen? Wie bauen wir unser Deck auf und und und. Und da haben wir uns dann  mit Dirk zusammengesetzt und haben dann angefangen und gesagt okay, was macht ihr denn jetzt gerade. Wo scheitert es gerade? Wie sieht euer Produkt gerade aus? Was wollen VC’s hören? Und als Beispiel, wir haben ihm dann fünf, sechs Investoren einfach an den Tisch gesetzt. Die haben dann die Idee sich angehört, er hat's gepitcht und die haben gesagt, wir finden Idee spannend. Aber das, das, das brauchen wir. Und das ist glaube ich auch ein Unterschied, den andere Programme oft nicht so machen. Da pitcht man mal, dann gibt es ein Feedback usw., aber dieses wirklich zusammensetzen, eins zu eins, das ist nachher das Entscheidende. Und der Erfolg, sie haben jetzt letztes Jahr 500.000 € eingesammelt, jetzt machen sie gerade noch mal eine Runde, stehen auch kurz vor dem Closing und 1 Million an Investment hier in Mecklenburg-Vorpommern zu kriegen, für so eine Idee, das ist glaube ich, schon ganz gut.

Mareike Donath: 
Absolut, das ist schon eine tolle Leistung, die sagt genau auf dieses Innovations- und Gründersystem zu schauen. Anderes Beispiel, wenn ich richtig informiert  bin, Artesa ist ja auch bei euch gewesen. Wir sind jetzt auch. Ja, werden jetzt durch  die Handwerkskammer in Schwerin genutzt. Beim Craftlab von Sylvio Brauns hatte ich ja darüber berichtet, was er da macht. Sind total schöne und wichtige Geschichten, um zu sagen: Das funktioniert, wir dürfen daran glauben. Das ist eine coole Szene und wichtige Szene, die sich entwickelt, um den digitalen Wandel hier auch echt voranzutreiben. Und wie wir immer so schön sagen, die Chancen zu nutzen. Aber da sind wirklich tolle Beispiele dafür.

Hannes Trettin:
Absolut. Und Artesa jetzt als Beispiel, da war unsere Aufgabe neben der Finanzierung, weil sie das Thema auch damals hatten, war auch wirklich diese Kontakte herzustellen, wo man halt sagt: „Achtung, wir sind ja selber Gründer.“ Und das war auch der Grundgedanke von dem Programm. Ein Programm von Gründer:innen für Gründer:innen aufzubauen. Und wir haben unser Netzwerk
einfach auch mit ihnen gestreut und das hat schon super viel verändert, weil sie dadurch halt auch bei BAIN ein Investment bekommen haben. Dann halt auch.

Mareike Donath: 
BAIN ist?

Hannes Trettin:
Unser Baltic Incubate Business Angel Club genau. Also da halt auch dann den  Zugriff darauf bekommen haben. Aber eben auch die Netzwerke zu den HWK’s, IHK’s. Sind nach Berlin mit ihnen auch gefahren, haben dort auch mal das vorgestellt usw. Und jetzt machen sie ihre ganzen Pilot Cases mit auch Partner:innen aus der Vergangenheit von uns. Aber natürlich muss man sagen, die Teams sind natürlich auch total pushy. Das ist halt das Gute. Das macht auch den Faktor, warum wir es halt machen. Das macht super viel Spaß, weil wir halt auch super viel von ihnen lernen. Also da habe ich, wenn ich an Marvin denke, was der an Ideen immer vorgestellt hat.

Mareike Donath: 
Für die Zuschauer:innen, Marvin Fink von Artesa

Hannes Trettin:
Von Artesa, genau. Die sich quasi auch mit, Management, Digitalisierung von Management-Leistungen fürs Handwerk vielleicht so ungefähr.

Mareike Donath: 
Genau.

Hannes Trettin:
Genau, das war halt immer super, super spannend, wie viel er auch einfach als Gedanken hatte, welche Ansätze er fahren wollte, wie er auch beim Marketing vorwärts geht usw. Wo wir ihn dann später auch eingeladen haben, als Alumni für unsere nächsten Teams, weil er dann sein Wissen weitergegeben hat. Und das ist ja das, worauf wir eigentlich alle hinauswollen am Ende des Tages. Wir brauchen solche Leuchtturmprojekte, solche Themen, die halt wirklich funktionieren. Erfolgsbeispiele, die dann ihr Wissen wiederum halt auch teilen. Und das ist auch einer der Gründe, warum wir dieses ganze Ökosystem versuchen zu unterstützen von „digitales MV”, aber halt eben auch durch eigene Komponenten einfach zu erweitern.

Mareike Donath: 
Schon beeindruckend, womit wir dann auch punkten können. Ganz viele sagen: „Wir hätten gar nicht gedacht, dass bei euch a) so eine gute Struktur ist und auch, welche Unternehmen ja dann zum Vorschein kommen und sich entwickeln können.” Coole Leistung. Was fehlt noch? Wenn du hier so drauf guckst, was wäre dein Wunsch zu sagen: „Oh, an der Stelle würde ich mir das wünschen XY.”

Hannes Trettin:
Ich glaube, das hatte ich vorhin schon angeteasert. Wir haben Geldgeber in diesem Land und wir haben, glaube ich, gute Unterstützungsprogramme. Wir sind immer noch nicht so ganz klar, wer was wo macht. Also manchmal fehlt die Transparenz und ich glaube, wir haben teilweise leider noch ein paar Doppelstrukturen, wo wir die Menschen besser einsetzen könnten, weil wir auf der anderen Seite sagen, wir haben zu wenig Kapazitäten und wundern uns dann aber, dass dann manchen, keine Ahnung Pitch-Trainings das zehnte Mal hintereinander stattfinden und die Teams dann halt auch sagen, das finden sie jetzt irgendwie gar nicht mehr so spannend. Und dann ist aber der größte Punkt: Ich glaube, wir brauchen noch mehr Geldgeber. Also wir müssen mehr auch rausgehen mit unseren Teams. Also deswegen ist so was wie die Slush super, damit, VC’s, also Risikokapitalgeber europaweit, auch Mecklenburg-Vorpommern dann noch viel mehr auf der Agenda haben. Also der Punkt ist nicht mehr schwarz, wie man früher gesagt hat, sondern er öffnet sich.

Man sieht mehr Themen dort, mehr Flecken, was sich da letztendlich alles so auch entwickelt. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass wir noch viel breiter mit der Brust rausgehen könnten mit unseren Teams und auch viel mehr deutschlandweit mit unseren Ideen um die Ecke kommen sollten. Also wir waren vor zwei Monaten im Allgäu bei „digitales Allgäu”, also sehr Namens-ähnlich. Und das war das allererste Mal, dass die Teams aus dem Norden hatten. Das fand ich erschreckend, weil man irgendwie man kennt ja irgendwie Ideen, die aus München sind oder aus anderen Regionen. Und dass sie das allererste Mal dann Ideen aus Mecklenburg-Vorpommern so in der Art und Weise gehört haben, fand ich erschreckend, aber auch  spannend, weil sie dann natürlich sofort dieses Netzwerk gesehen haben, diese Chance. Und dann war sofort wieder dieses nicht irgendwie sich da zurückzulehnen und es zu lassen, sondern sie haben sofort gesagt: „Lasst uns Veranstaltungen machen, lasst uns die Teams herholen.“ Das ist ja sensationell, was da oben alles passiert. Und ich glaube, da würde ich mir das manchmal mehr wünschen.

Aber auch im baltischen Raum. Weil wir machen gerade ein Projekt, ein Interreg-Programm haben wir fast mit den Dänen zusammen und auch mit polnischen Partnern. Und die waren auch überrascht, nachdem man so das ganze Ökosystem mal vorgestellt hat. Und das ist dann für mich immer ganz freudig, wenn ich dann die Kollegen irgendwie auch aus Schleswig-Holstein sehe, die dann da am Tisch sitzen und sich so fragen:  „Hey, wie kann das sein, dass das da alles drüben ist und wir das gar nicht haben, obwohl es ja das gleiche Land ist, Bundesland an Bundesland. Und ich glaube, da würde ich mir manchmal mehr diesen Austausch wünschen, das ist nicht immer leicht. Also für uns ist es halt leichter, weil wir ja nicht an eine Förderung oder Sonstiges irgendwie gebunden sind, sondern wir können über die Landesgrenzen gehen. Aber das würde ich mir manchmal mehr wünschen, dass da mehr Austauschformate stattfinden.

Mareike Donath: 
Absolut. Absolut, auch wenn wir und wir haben mittlerweile auch, da freue ich mich total, dass wir  da enger zusammengewachsen sind. Auch mit den Gründungsnetzwerken in Schleswig-Holstein, da ist ein hohes Interesse, dass wir etwas zusammen machen und uns da gegenseitig auch ein bisschen austauschen. Auch bestimmte Wettbewerbe zu begleiten. Sehe ich absolut genauso. So viel Potenzial, wie wir miteinander gut vernetzt sein können, um uns gegenseitig zu stärken, Impulse auszutauschen. Und das nehme ich auch wahr jetzt, da sehts mir nach an der Stelle, wir sind kurz vor der NØRD so  ungefähr, ja paar Monate haben wir jetzt noch, jetzt im Rahmen dieser Podcast-Aufzeichnung. Sind Ende Mai 2026 in Rostock. Wir schauen, wann die Aufzeichnung ausgestrahlt wird, Hannes, vielleicht schaffen wir das noch vor der NØRD auch dort in dem Kontext mit Botschaftern zusammen zu sprechen, ob es die Esten, Dänen oder in Finnland. Oder wir haben ja Lettland als Partnerland mit dabei so ein hohes Interesse, jetzt hier auf diesem Netzwerk zusammenzukommen. Also kann nur unterschreiben. Und was ich toll finde bei euch, ihr seid ja schon richtig international aufgestellt. Ist ja nicht nur Brandenburg, was du vorhin berichtet hast. Sondern ihr seid ja, wenn man euren Post folgt, ja, überall habt ihr kleine Fahnen schon reingesteckt. Wenn man das mal so sehen würde als Karte, ja.

Hannes Trettin:
Absolut. Es ist halt immer wieder erstaunlich, wie wir. Also ich war jetzt vor kurzem in Kroatien und in Bosnien und habe mir dort dann halt auch Coworking Spaces angeguckt. Neue Standorte für uns, die wir als interessant finden, weil die Leute schon auch gerne an die Adriaküste wollen, um Workation zu machen.

Mareike Donath: 
Workation ist dann für alle die, die sich damit nicht so auskennen, heißt, ich kann da arbeiten und genieße quasi dann die andere Kulisse. Oder ich glaube, da gibt es ein bisschen.

Hannes Trettin:
Genau. Also vielleicht da kurz, Workation ist halt, ich muss keinen Urlaub nehmen und kann trotzdem nach Kroatien fahren, weil ich dort einen Arbeitsplatz habe und arbeiten kann für meinen Arbeitgeber aus Deutschland und dort auch die Übernachtung gleich in einem Paket letztendlich habe. Und ich einfach meine Sehnsuchtsorte besuchen kann. Also, ich war noch nie in Kroatien und fand das irgendwie supertoll und musste keinen Urlaub dafür nehmen. Und war da jetzt drei Wochen, um dann halt vor Ort einfach auch die Menschen kennenzulernen und das Netzwerk und so weiter. Und das, was mir dann da wieder aufgefallen ist und das ist auch wieder für uns, dann dieses Spannende, ist diese Vernetzung auch dann wieder Richtung Mecklenburg-Vorpommern zu machen, weil wir sehr viele ähnliche Themen einfach sehen, die dort sind. Die haben genauso ländliche Räume. Also das ist erstaunlich, wie viele Kilometer man dort fährt, ohne Menschen zu sehen und dann ist auf einmal ein kleines Dorf, wo dann aber eine kleine Schule steht und die sich dann halt auch fragen: „Wie können wir uns dann vernetzen?“ Die wollen ja auch nicht, dass die Leute nach Zagreb ziehen oder Sonstiges, sondern dort halt irgendwie auch bleiben und da gibt es viele Sachen, wo man glaube ich, voneinander vieles lernen kann und auch, dass die Interessen auch dort sind, von uns zu lernen, aber auch ihr Wissen mit uns zu teilen. Also das fand ich sehr, sehr spannend, auch bei den Kroaten und in Bosnien am Ende.

Mareike Donath: 
Hast du da ein konkretes Beispiel, wo du sagst: „Boah, da konnten wir schon mal miteinander eine Idee austauschen.”

Hannes Trettin:
Ich glaube, dass ich in Bosnien sehr überrascht war über die Digitalisierung in der Schule. Ehrlich gesagt. Und das Thema, dass sehr, sehr viel auf  Low Budget-Ideen auch gesetzt wird. Also, ich stelle mir meine Starlink aufs Dach, weil der Breitbandausbau einfach noch dauern wird und der wird auch kommen, also durch die EU ja auch da auch gefördert. Aber bevor das passiert, stellen wir uns da eine Starlink aufs Dach und haben trotzdem erst mal Internet für die Schülerinnen und Schüler. Und das fand ich, würde ich mir manchmal wünschen, dass es in manchen Landstrichen von Deutschland genauso wäre und man dann nicht erst dreimal drüber nachdenkt. Darf man das eigentlich? Hat das ein Datenschutzthema oder oder oder. Sondern den Jugendlichen das erst mal zur Verfügung stellt, damit sie sich nicht abgehängt fühlen und nicht von Anfang an den Drang haben, woanders hinzugehen. Und ich glaube, in den Ländern, auch in Albanien, habe ich das gemerkt, ist es so, dass da schneller mal eine Entscheidung getroffen wird, ein Pilot Case aufgebaut wird. Man guckt sich das halt an und dann guckt man: Sind die Vorteile wichtiger, als die Nachteile oder kann man die Nachteile auch schneller lösen und kennen wir alle.

Ich glaube, Deutschland ist jetzt nicht dafür bekannt, dass wir immer die Schnellsten sind.  Es verändert sich zum Glück in vielen Bereichen, aber wir brauchen manchmal für Entscheidungen sehr lange und dann ist die Entscheidung, die wir dann getroffen haben, eigentlich schon wieder vielleicht drei Monate hinter dem Status quo, wie es in anderen Ländern stattfindet. Und das ist was, was ich bei denen gesehen habe, wo wir sagen müssten. Wenn man in Deutschland teilweise Projekte umsetzen möchte, braucht man immer jemanden, der es vielleicht schon mal vorgemacht hat. Wir gucken aber immer nur in Deutschland. Wer hat es da gemacht. Also vielleicht sollten wir halt auch wirklich mal sagen Estland, Litauen, Lettland auch spannend. Aber es gibt andere Regionen, da sehen wir halt auch viele Sachen und warum können wir das nicht übernehmen? Und da ist die Kooperationsbereitschaft von ihrer Seite total da, weil sie auf der anderen Seite wieder totale Defizite haben. Digitalisierung der Mobilität, Busverkehr und so was halt alles. Das funktioniert da vorne und hinten noch nicht. Also du weißt nicht, wann der Bus kommt und stehst dann halt deine 30 Minuten und der kommt dann vielleicht nicht mehr. Und da muss man schon sagen, egal was man von der Deutschen Bahn hält. Eigentlich funktioniert die App schon ganz gut, dass ich sehe, dass der Zug zumindest Verspätung hat und so was halt alles.

Mareike Donath: 
Wir bleiben noch mal in den anderen Ländern. Es geht ja auch um. Ich glaube, das sind oftmals Zielkonflikte, die gar nicht so einfach zu lösen sind. Einerseits wollen wir, wissen wir alle, wir sollen innovationsfähig bereit sein, um jetzt damit schnell zu verstehen, was kommt für eine Entwicklung auf uns zu? Muss ich darauf reagieren, wie ist eigentlich unser Zukunftsbild, hilft mir das oder nicht? Andererseits haben wir natürlich auch Sicherheitsbedürfnisse zu Recht, wir sind einiges gewohnt. Und, dass man sagt, auch rechtlich ist alles abgesichert, ist Transparenz für alle gleich usw. Wir haben ja bestimmte Werte, die wir uns hart erarbeitet haben, auch als Demokratie. Und dann diese, steht ja oftmals fest. Dann ist es ja doch wieder vermeintlich ein Zielkonflikt zwischen jetzt einfach machen und einfach loslegen. Kannst du vielleicht auf Erfolgsfaktoren schauen? Ist das in den Ländern schon anders gelebt sozusagen da irgendwo den gordischen Knoten durchschlagen zu haben zwischen: „Ja, wir haben tolle Anforderungen, tolle Werte, die traditionell bleiben müssen. Das macht uns aus als Gesellschaft.” Anders: „Warum wollen wir uns ganz schnell verändern und dem Trend standhalten und versuchen, das gut zu lösen?” Wo gibt es da gute Beispiele? Du hattest ja ein schon erwähnt, Antenne aufs Dach, so ungefähr.

Hannes Trettin:
Ich glaube, dass Länder wie Litauen, Lettland und Estland natürlich super Beispiele dafür sind. Bei denen kann man glaube ich lange drüber diskutieren. Aber wenn man ihnen mal zuhört, war nie der Grund, dass sie so klein sind. Was wir gerne mal sagen es sind kleine Länder, deswegen geht da alles immer viel viel schneller, sondern der Need war halt viel größer. Also sie mussten sich ja verändern, weil keine Wirtschaft wirklich dort existiert, keine Automobilbranche so wie bei uns, die uns jahrzehntelang eigentlich durch alle Krisen irgendwie gezogen hat. Und jetzt bringt sie uns in die nächste Krise rein. Dass dort eher gesagt wurde, wir stellen diese ganzen Themen auf die Waage und sagen, was ist Kultur und was ist Datenschutz und Wichtigkeit und allem drum und dran und setzen  auf der anderen Seite eigentlich den Need, den wir als Gesellschaft jetzt gerade irgendwie haben. Und ich glaube, da ist das eher dann als Bevölkerung auch entschieden worden, dass man sagt: Achtung wir haben hier gerade Probleme.

Das haben die Finnen uns auch vor zwei, drei Jahren, als wir dort auf der Delegationsreise waren, gesagt, dass sie halt eher gesagt haben, wir müssen jetzt erst mal gucken, dass wir unsere  eigenen Probleme gelöst bekommen, und dann schauen wir, dass das wieder mit unserem System zusammenpasst. Es erwartet ja jetzt keiner, dass wir den Datenschutz nach ganz hinten fallen lassen und die Demokratie abschaffen. Das ist ja immer ein bisschen sehr überspitzt. Aber wir müssen halt Prioritäten darauf setzen. Und sie haben ja ihre ganzen Systeme nicht verändert, sondern sie haben gesagt, das sind jetzt unsere Prio-Themen, da müssen Leute halt ran und dann kann ein Prozess nicht 3, 4, 5, 6 Monate dauern, sondern wir müssen halt eigentlich in zwei Wochen wissen, ob es sich lohnt, das zu machen oder halt nicht. Und ich glaube, da sind wir noch nicht so weit. Auch wenn wir jetzt ein Digitalisierungsminister haben, der dort auf Bundesebene versucht, jetzt auch mit der Staatsmodernisierung schneller voranzukommen. Ich glaube, der ist auch gerade relativ gefrustet manchmal, wenn man ihn so sieht, wie lange Prozesse manchmal dauern, obwohl er ja will.

Mareike Donath: 
Dann ist es ein Mindset-Thema?

Hannes Trettin:
Auf jeden Fall. Mit der Kombination, dass wir halt auch immer noch in einer Wohlstandsgesellschaft sind. Wo man halt auch einfach sagen muss. Ich glaube, wir haben den Schmerz noch nicht so ganz final alle gespürt, wo es hingeht und ich glaube, dass es 
in anderen Regionen der Schmerz schon härter war.

Mareike Donath: 
Aber noch mal ein anderes oder eine andere Facette. Und da setze ich ehrlicherweise große Hoffnung in das Thema Gründungen. Für viele Unternehmen ist es immer noch. Sich die Zeit zu nehmen, sich damit auseinandersetzen zu können, ist für viele ein Riesenthema. Da sind noch ganz andere Probleme da, mit denen man sich jetzt gerade auseinandersetzen muss, als zu sagen, gerade beim digitalen Wandel. Keine Ahnung. Wer weiß, was in der nächsten Woche für ein System kommt, das ich dann eher nutzen sollte. Warum soll ich mich heute für eine bestimmte Anwendung entscheiden? Diese Leichtigkeit, da eine Idee umzusetzen, einfach zu machen. Ich glaube, da muss auch die Gründungszene weiter mit als Vorbild vorangehen. Manchmal macht man sich möglicherweise auch das Leben schwer. Aber ich kann mir gut vorstellen, wenn hier Best Practices passieren, Leuchtturmprojekte, von denen wir gerne reden, genau wie wir es beschrieben haben, dann kann das auch eine schöne Chance sein, auch für die tradierten Unternehmen. Nicht, weil sie keine Lust haben oder nicht wollen oder nicht können, einfach gerade andere Themen haben. „Ja“ zu sagen. Wir verbinden uns gut und vernetzen uns gut auch untereinander, um hier einen guten Innovationsschub hinzubekommen. Wie siehst du das? Also meine Hoffnung, könnte die in Erfüllung gehen, Hannes?

Hannes Trettin:
Ich glaube, dass man auf jeden Fall mehr auf Gründerinnen und Gründer da setzen sollte, weil sie eben dieses Alltagsgeschäft, wie du schon gesagt hast, in dem Stil ja noch nicht haben, sondern sie haben eigentlich Zeit, an ihren Ideen zu arbeiten und Innovationen nach vorne zu treiben. Das ist auf jeden Fall eine gute Säule, die auch in vielen anderen Regionen ganz gut funktioniert hat bisher. Da könnten wir noch stärker auch drauf setzen, auch wieder mit finanziellen Mitteln. Weil, das ist halt letztendlich der Knackpunkt, warum manche Gründerinnen und Gründer dann doch woanders hingehen. Weil sie dort einfach die Erfahrung gesammelt haben, dass man leichter das Geld bekommt für die Ideen. Das andere ist aber auch, wir haben viele Digitalisierungsansätze versucht, im Handwerk auch zu machen. Deswegen musste ich gerade kurz drüber nachdenken, auch mit der HWK Rostock zusammen und haben einen Makerspace aufgebaut, haben alles da zur Verfügung gestellt und wir haben sehr, sehr viele Gespräche mit den Akteuren dort vor Ort geführt. Und ich kann total unterschreiben, dass sie ihren Fokus haben auf ihr Alltagsgeschäft. Das ist auch normal, weil man natürlich erst mal die Löhne decken will usw., aber ich glaube, da müssen wir halt auch gucken, dass viele unserer Handwerker und Handwerkerinnen sind da reingewachsen, auch als Geschäftsführerin, Geschäftsführer. Die sind ja nicht ausgebildet worden und haben nicht tolle Programme, wie Leadership und keine Ahnung, was Bosch mir alles bezahlt hat damals, als ich dort als Führungskraft irgendwie war. Da habe ich aber oft eben  den Punkt auch mitbekommen. Ihr müsst an die Zukunft denken und das haben viele von ihnen halt nicht mitbekommen, sondern sie sind genau in diesem Alltagsgeschäft drin und wir müssen uns leider 1 % unserer Zeit wahrscheinlich trotzdem nehmen, um nach vorne zu gucken, was kommt denn übermorgen für die Kindergeneration oder oder oder.

Und da muss ich sagen, finde ich, es ist  auch wieder ein Mindset-Thema, dass das zu wenig bei den einzelnen Akteuren passiert durch die Stresssituation, dass sie halt auch sagen: „Achtung, wir haben die Zeit nicht.” Und auf der anderen Seite auch dieses Geld-Thema bei ihnen eine Rolle spielt. Also Innovation schreckt sofort ab. Das kostet halt irgendwie Geld. Förderungen sind halt auch leider oft, die existent sind, schrecken manchmal ab, weil sie halt sehr kompliziert wirken. Was oft gar nicht so ist, wenn man sich da ransetzt. Ich hoffe, das ChatGPT und wie sie alle heißen, dann irgendwann auch dazu führen, dass die Leute weniger Angst haben vor Förderung oder sie auch einfach mal leichter werden zu beantragen. Aber das sind so ein paar mehr Faktoren, wo wir glaube ich auch als Bevölkerung und als Community darauf eingehen müssen, dass es nicht nur ist, dass ihnen die Ideen zur Digitalisierung fehlen, sondern halt auch wirklich so dieses: „Du musst es jetzt machen, damit es für die Zukunft ein nachhaltiges Geschäftsmodell ist. Sonst endet das halt irgendwann.” Und da hab ich noch nicht den Heiligen Gral gefunden, weil wir haben den Makerspace dort aufgebaut, haben dort mit den Leuten zusammengearbeitet, haben auch einigen sicherlich dabei geholfen, weil sie dann auf einmal so ein bisschen den Mindset Change hatten. Und gesehen haben: „Ey, da funktioniert ja was und wir können uns irgendwie Unterstützung holen usw.“  Aber die breite Masse ist halt immer noch in ihrem Tunnel und ich glaube, wir müssen daran arbeiten, dass wir sie da ein bisschen aus dem Tunnel rausholen. Aber jetzt komme ich wieder an den Punkt. Der Schmerz ist bei ihnen halt auch noch nicht hoch genug. Also mein Dad ist selber in der Handwerksbranche und ich höre halt immer wieder, die Aufträge sind ja noch gefüllt bis nächstes Jahr. Aber was passiert denn übernächstes Jahr? Und du hast dann vielleicht gar nicht mehr übernächstes Jahr die Zeit, die Ressourcen, das dann noch wieder zu drehen und dich auf neue Geschäftsmodelle zu konzentrieren.

Mareike Donath: 
Es fällt auch vielen schwer, irgendwie sich vorzustellen ja, was ist denn eigentlich in zwei Jahren?Und ich glaube, deswegen ist genau die Chance, immer wieder wo sind denn die Plattformen, 
wo sind die die Brutstätten für Innovation? Wo kann ich so ein bisschen Zukunftsluft riechen, wo ich halbwegs erahnen kann ja, von daher glaube ich finde ich das gut und  finde ich auch so toll, dass ihr da mitmacht. Beim sogenannten digitalen Innovationsraum mit den Zentren, wo man an dem Thema digitale Kompetenzen arbeitet, in der Breite und in der Vielfalt, in der guten Vernetzung. Das ist absolut ein Punkt, den wir aufnehmen.

Hannes Trettin:
Ich glaube aber, wir müssen einen Punkt vielleicht noch, wenn ich darf. Wir müssen mehr zu ihnen aber auch. Also das ist  auch eine Erkenntnis nach den ganzen Jahren. Der Makerspace ist super, aber da kommen die hin, bei denen wir waren und ich glaube, da könnten wir auch noch mehr verändern. Wir haben ja die Digitalisierungslotsen und das ist ja auch unser Teil als Projekt Bay im „digitales MV”, dass unsere Digitalisierungslotsen.

Mareike Donath: 
Das noch weiter erleichtern, ja zu sagen ins Unternehmen und sagen: So, wo stehst du?

Hannes Trettin:
Genau. Und sich die Ideen anzugucken, die Probleme anzuschauen. Wir haben das mit Landwirten gemacht. Das ist mal wieder überraschend, wie innovativ Landwirte sind, hätte ich früher auch nie gedacht. Aber da war es oft einfacher. Da ist man hingekommen und ist über den Hof gelaufen und hat dann gesagt, hier könnte man das, das und das machen. Wäre das möglich? Und die haben dann sofort verstanden, ja, das bringt mich wieder mehr aufs Land und weniger ins Büro. Das mache ich halt sofort, weil das hilft mir wirklich in meiner Wertschöpfung, weil ich will ja auf dem Acker sein. Und die große Kritik der Landwirte ist ja immer, dass sie viel Zeit im Büro halt verbringen und dass man da halt vor Ort die Lösung halt findet, anstatt sie teilweise woanders hinzuziehen, sondern wirklich an den Einzelcases halt rangeht. Aber viele Handwerker, wir haben viele Landwirte, wir haben viele Menschen, also dementsprechend. Das ist jetzt auch nicht von einem Tag auf den anderen so erledigt, aber das sehe ich halt schon sehr oft,
weil es auch offener ist von ihrer Seite aus. Sie denken und nehmen das auch wahr, dass man sich dann wirklich, wirklich Gedanken macht. Und das ist ja auch eine Form von Wertschätzung, dass man sich das vor Ort anschaut und aus ihrer Welt halt berichtet und das ist auch manchmal so ein Gap, glaube ich noch.

Mareike Donath: 
Ich glaube auch, das füllt sich langsam, die IT-Szene oder Wirtschaft entwickelt sich, um genau zu sagen: „Jetzt gehe ich da rein und kann ganz konkret bei der Umsetzung helfen.“ Ich glaube, das ist auch noch mal wichtig, eben nicht allein damit zu sein, nicht einmal gehört zu haben, sondern tatsächlich helfende Hände sich mit an Bord zu holen. Wirklich diesen Change mit begleiten können. Mit genug Erfahrung.

Hannes Trettin:
Und da kommen wir wieder bei den Start-ups an, um die Schleife einmal zu drehen. Das ist auch der Grund, warum wir als einen Punkt unseres Programms auch aufgebaut haben, dass die Teams an Land fit drangeführt werden oder an die Handwerker. Also das war auch der Grund mit der Artesa damals. Geht dort direkt hin, sprecht mit denen, redet über Innovation zusammen, wenn sie keine Zeit haben selber was zu entwickeln. Und so weiter. Könnt ihr vielleicht der verlängerte Arm von diesen Akteuren halt letztendlich sein. Und das hat halt auch sehr gut funktioniert. Also wir haben zwei, drei Start-ups, die dann halt auch durch Landwirte finanziert wurden, weil die halt einfach da auch gesehen haben: Die Landwirte brauchen das in Zukunft, haben selber die Zeit nicht, sehen es aber als gute Chance. Sie waren selber dort, haben wirklich das Problem der Landwirte identifiziert und konnten dann dort halt auch gemeinsam dran arbeiten. Und das ist dann halt wieder der Punkt, wo Start-ups und Gründungen super hilfreich sind und ich mir auch manchmal wünschen würde, dass Hochschulen auch noch viel enger so in diese Richtung gehen. Wir waren ja auch schon mal bei der Veranstaltung zusammen in Stralsund, wo uns ganz viele Ideen vorgestellt wurden, der Hochschule Stralsund, die man dann in die Wirtschaft tragen müsste und sollte. Und ich glaube, da können die Hochschulen auch öfters noch mal wirklich raus an die Unternehmen ran und eher diese Partnerschaften halt irgendwie auch favorisieren.

Mareike Donath: 
Da würde ich gerade darauf zu sprechen kommen, sind ja unheimlich. Woher kommen die Impulse? Das sind Gründer, das sind die Hochschulen oder Fraunhofer Institute, wo wir auch gewesen sind. Ich glaube, das ist jetzt die Kernaufgabe ist ja so, Wissenschaft und Lehre. Da gut in Transformationsmechanismen zu denken, wie kriegen wir jetzt gemeinsam, ja, auch da haben Hochschulen ein großes Bedürfnis und stehen ja auch dafür, gerade in vielen Bereichen. Wie können wir jetzt das in die Wirtschaft bringen? Ist auch Thema das Kapital, das richtige Geschäftsmodell usw. Und ich glaube, dass solche Methodiken, wie ihr sie entwickelt, dass man dort das auch tatsächlich breiter noch denken kann. Und das würde ich mir auch wünschen, dass wir diesen Innovationsprozess so gut miteinander verwoben und aufs Gleis gesetzt bekommen, da ist so viel da. Ich glaube, jetzt ist der nächste Schritt, das noch zu professionalisieren, damit alle Institutionen mit ihrer Kraft da gut zusammenarbeiten und wir dann noch dadurch auch dann das Netzwerk, so verstehe ich die auch. Das private Kapital noch ein bisschen mehr für uns attraktiv hinbekämen.

Bei dem Gründungsthema beschäftigt mich dann oftmals die Frage. Man wünscht sich ja dann die Bestandsunternehmen, die schon da sind oder Neuansiedlung, aber auch aus der Gründungszene heraus. Unternehmen, die sich ansiedeln, bleiben, größer werden, vom Prozess auch nicht eine Idee verkaufen irgendwohin. Was braucht es, damit eben nicht verkauft wird? Oder ist es gut oder schlecht? Oder sollten wir eher danach gehen, die Unternehmen hier zu halten im Land? Das ist tatsächlich ja, wo wir sagen, da würde ich ja zuerst ein „Ja“ hingeben. Was quasi treibt denn die Gründer an? Treibt sie die Idee an? Worauf will ich hinaus? Dann bei ihrer Idee zu bleiben und zu sagen: „Nö, ich will einen Exit machen, sozusagen möglichst schnell und mich einer neuen Idee widmen?” Oder kann man das gar nicht so Pi mal Daumen sagen?

Hannes Trettin:
Ich glaube, dass es sehr unterschiedlich einfach ist, wie Menschen einfach sind. Es gibt die Gründerinnen und Gründer, die einfach sagen, sie haben eine tolle Idee, wollen die umsetzen und merken dann, oh, es muss auch wirtschaftlich funktionieren. Man braucht ja auch einen Kunden und dann muss man ihnen erst mal dabei helfen. Löst ja eigentlich ein Problem, weil viele haben Ideen und das muss aber keine Probleme lösen und verdient am Ende des Tages auch kein Geld. Und ich glaube, das ist die eine Sparte an Gründerinnen und Gründer, die es erst mal gibt, die dann in der Realität ankommen. Dann gibt es die zweite, die dann wirklich das alles schon begriffen haben und sagen: „Ich will das nächste Familienunternehmen aufbauen, ich hab da voll Bock drauf. Mir geht es gar nicht darum, dass das durch die Welt skalieren muss oder dass ich damit mal irgendwann ein Unicorn baue, sondern ich will eigentlich meiner Idee folgen. Ich will was Gutes für die Region tun.” Und das unterschätzen wir oft. Gerade die junge Generation denkt so und das finde ich auch sehr erstrebenswert. Das ist auch ein Punkt, warum wir da sehr gerne mit reingehen, auch wenn sie nicht die typische Klientel sind unserer Gründerinnen und Gründer, die wir jetzt in dem Start-up Accelerator unterstützen. Weil, da ist es schon immer so der Plan, natürlich irgendwie große Finanzierung zu bekommen. Und wenn die erste Finanzierung stattgefunden hat, dann werden die Investoren oft in der Regel auch wollen, dass man weiter wächst. Das ist ja dann am Ende dann schon sehr profitorientiert.

Und dann gibt es aber die dritte, die halt sagen: „Achtung, ich baue meine Idee und bin Exit-orientiert.” Was ich aber gar nicht schlimm finde, weil sie halt irgendwann ab einem gewissen Punkt und da müssen wir auch ehrlich sein, ist man vielleicht gar nicht mehr gut genug für sein eigenes Unternehmen, weil man die Erfahrung noch nicht gemacht hat, von 20 Leuten auf 100 Leute zu skalieren, auf 300, 400 und sonstiges. Und warum ist es da schlimm, dann irgendwann zu sagen: „Die Idee ist gut, die hilft, die löst irgendwelche Probleme und ich gebe sie halt ab und habe dann meine Zeit wieder für was anderes.“ Und viele der Mentoren, die wir beispielsweise haben, die ticken genau so, die sagen halt: „Ich finde es gut, dann eine Zeit lang reingegangen 
zu sein, dann zu unterstützen und danach und das würde ich mir manchmal auch noch mehr wünschen, gehen die an Hochschulen, gehen an Investoren, gründen selber Business Angel Netzwerke, um dann wiederum dem Ökosystem zu helfen.“

Und die Frage ja auch, ob sie hier bleiben sollen. Ich bin klarer Favorit davon, dass sie sagen, ich gehe in eine Region, wo nicht 300.000 Leute schon leben und wohnen, sondern ich gehe vielleicht irgendwie nach Rügen. Wir haben da ein Dorf mit 249 Einwohnern und jeglichen Arbeitsplatz, den wir dort schaffen. Der verändert wirklich was in der Region. Das ist ja auch eine Gründung, kann ja auch die Infrastruktur und das soziale Gefüge dort verändern und das ist ja dann nachher das Spannende. Deswegen aus meiner Perspektive würde ich mir wünschen, dass Gründerinnen und Gründer mehr sogar in ländliche Räume gehen oder in solche Strukturen und dort dabei helfen, durch ihre Gründung, durch Arbeitsplätze, durch den Zuzug von Menschen, die vielleicht auch von woanders kommen, das ganze Ökosystem dort auch wieder zu bereichern. Weil, und es ist nach wie vor so, Leute wollen aus den  Städten raus, weil sie sich die Stadt nicht mehr leisten können.

Und die fehlen, aber da fehlen immer noch die richtigen spannenden Arbeitsplätze und da können Gründungen wieder im ländlichen Raum, auch in Mecklenburg-Vorpommern einfach helfen, dass ich halt sage ich ziehe nach Poppendorf, wo Bio24 auch sitzt und das ist auch ein Start-up, das wir ja auch eine Zeit lang unterstützt haben auch Gemeinwohlorientiert. Und ich kann da was Gutes tun für die Gesellschaft und hätte aber nie vorher gedacht, dass ich nach Poppendorf ziehe und jetzt habe ich da aber einen tollen Arbeitgeber und mach was tolles. Und ich glaube, dass das deswegen meine favorisierte Variante ist und ich auch glaube, dass wir da mehr in diese Richtung denken sollten. Weil, wenn man sich jetzt Baden-Württemberg anguckt, den Hidden Champion für Mittelständler, die sitzen alle irgendwo im ländlichen Raum, weil die haben damals einfach da gegründet, wo es gerade irgendwie war, haben dann was aufgebaut und dann hast du aber auf einmal dort Ökosystem, du hast Geld, du hast sehr, sehr viele Leute, die da einfach tolle Arbeitsplätze haben.

Mareike Donath:
Und plötzlich entwickelt sich ein Effekt. Ganz klar. Und es hilft dabei. Gründungsszene kann meines Erachtens nach oder ich glaube, das könnte eine wichtige Möglichkeit sein, wenn man in Mecklenburg-Vorpommern ein Nachfolge-Thema Unternehmen, die sich mit dem Thema Nachfolge befassen müssen viele noch keine Lösung für sich haben. Und die, die sich mal auf den Weg gemacht haben, sagen: „Ach, ich bin mutig, ich will gründen. Möglicherweise nicht mit meiner eigenen Idee, aber die haben ja jetzt Potenzial.” Sie sind ja quasi dafür ja eigentlich geeignet, auch hier zu unterstützen. Korrekt?

Hannes Trettin:
Total. Also, es gibt ja da auch die zwei Ansätze. Also entweder hat man Lust, irgendwie Geschäftsführerin, Geschäftsführer zu werden und dann sucht man sich halt ein Unternehmen, was man spannend findet, haben wir vor kurzem auch erst in der Nähe von Neubrandenburg einen betreut, der irgendwann einfach ein – ich glaube das war vorher eigentlich nur ein Handwerksunternehmen so ursprünglich gedacht – und der hat dann aus dieser Tischlerei hat er jetzt einfach ein innovatives Unternehmen gebaut, wo er jetzt 3D-Technik nutzt usw. und die Produkte einfach weiterentwickelt hat, einfach gemerkt hat, der Kunde will noch mehr Sachen, will eine andere Ausrichtung und der hat total geholfen, dieses Unternehmen weiterzuführen. Hat aber auch gesagt, es war am Anfang nicht leicht, weil er war nicht der Sohn, nicht die Tochter von dem Geschäftsführer oder ehemaligen Besitzer des Unternehmens, das erst mal wieder zusammenzuführen. Das ist ja auch so ein bisschen die Sorge, da kann sich dann halt irgendwie auch was negativ verändern. Dann gibt es aber auch die Gründerinnen und Gründer, die ihre Ideen einfach in bestehende Unternehmen integrieren und dann später in die Geschäftsführung aufsteigen und dann die Nachfolgerinnen und Nachfolger werden. Das passiert in der Regel aber noch zu wenig, muss man einfach sagen. Ich sehe das auch total als Möglichkeit, Nachfolgeprobleme zu lösen. Ich muss aber auch sagen, dass es in der Realität bisher, noch kenne wenig gut funktionierende Beispiele, weil es oft eben die Diskrepanz immer noch ist zwischen der Vorstellung der alten Besitzerinnen und Besitzer und der neuen und das halt immer gematcht zu kriegen, das ist nicht easy. Also ich glaube, da kann man bestimmt über Stunden auch mit der IHK sprechen, die dafür auch eigene Leute hat. Dass das nicht immer einfach ist.

Mareike Donath:
Hannes, bevor ich zur Abschlussfrage komme, welche drei Trendthemen siehst du für Mecklenburg-Vorpommern?

Hannes Trettin:
Also ich glaube, dass wir drei Trendthemen in Mecklenburg-Vorpommern haben, die wir zum Teil schon jetzt gerade auch in der Testphase haben. Es ist das Thema Coworking/ Workation, auch wenn das viele jetzt eben durch diesen Rückzug ins Büro usw. schon wieder als nicht mehr so relevant abstempeln, sieht man, dass Büroräume immer weniger gemietet werden in Großstädten usw. die Leute mehr ins Homeoffice gehen, also die Zahlen halt steigen und die Leute einfach nach wie vor das Problem haben, dass sie sich viele Wohnungen nicht mehr in Großstädten leisten können und einfach auch sagen, ländliche Räume sind für sie interessanter Natur, Freizeit allem drum und dran. Da sollten wir massiv weiterhin darauf setzen, auch wenn wir als Bundesland da noch sehr weit vor der Welle sind. Die wird irgendwann umschwappen und dann wollen alle da rein. Das sehen wir auch gerade in anderen Regionen, deswegen sollten wir da dran festhalten und da sollte sich auch keiner demotivieren lassen. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Bereich. Das andere sind Impact-Themen.

Also wir haben 2021 mit der Founders Bay ganz klar gesagt, wir müssen auf nachhaltige Lösungen setzen, weil wir einfach aktuell noch nicht so die großen Industriezweige bei uns im Land irgendwie hatten, die eine gewisse Ausrichtung hatten außer Schiffsbau. Da komme ich auch gleich noch dazu. Und da kann man einfach wieder bei Null starten, da ist noch keiner Vorreiter. Also Freiburg hat zwar auch ein Programm Richtung Nachhaltigkeit, aber die sind jetzt noch nicht der Hotspot für Green Tech-Lösungen geworden. Und wir haben super viele Gründerinnen und Gründer, die Lust haben, was inhaltlich Sinnvolles zu machen. Gerade die junge Generation. Wir haben tolle Regionen hier. Und das zu matchen, ist halt extrem wichtig, und deswegen glaube ich, dass das auch nicht hinten runterfallen sollte. Auch wenn Nachhaltigkeit für 
manche Leute jetzt irgendwie auch aus dem Sinn irgendwie kommt, weil alle anderen Krisen gerade so ein bisschen abschreckender sind, ist es das Thema, wo ich sage, da können wir uns immer noch sehr gut als Bundesland platzieren, mit tollen Playerinnen und Playern und da einiges aufbauen.

Und dann ist der dritte Punkt so ein bisschen dieses Thema eigentlich Schiffsbau für mich nach wie vor noch. Ich finde es schade, dass wir das nicht mehr so zu  100 % in unserer DNA in Mecklenburg-Vorpommern jetzt haben, durch die Verkäufe der ganzen Werften. Aber da wird sich immer noch was tun. Und wir hatten ja auch das Start-up Hytra, die jetzt dann nachher in die saudischen Länder gegangen sind mit ihrer Idee. Die haben ein riesiges Investment bekommen, 
weil man dort halt einfach fest dran glaubt. Und ich glaube, wir sollten den Fall uns mal anschauen. Was für Technologien der Zukunft gibt es eigentlich im Schiffsbereich? Weil wir werden nicht drum herumkommen. Wasserstoff ist ein großes Thema. Wir haben die Hochschulen, ja, wir haben ja Universitäten, wir haben eigentlich die alten Werften, die 
dafür eigentlich auch gut gedacht wären. Wir haben ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und da würde ich mir manchmal wünschen, dass wir da nicht einfach sagen, das ist jetzt der Cut für das Bundesland gewesen, sondern da noch viel stärker reingehen.

Mareike Donath:
Du hast es schon angeschnitten, da komme ich zu meiner Abschlussfrage, die ich immer gerne stelle: Hannes, Mecklenburg-Vorpommern, ein Zukunftsland für dich?

Hannes Trettin:
Absolut, absolut. Ich glaube, dass wir durch unsere Offenheit, die sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt hat, zu einem wichtigen Player geworden sind. Wir haben den Vorteil, dass wir einfach, aber auch geografisch gut mit Berlin, Hamburg usw. liegen. Wir haben viele Länder um uns herum, also eigentlich bieten wir super, super viel neben der Infrastruktur, dass da sehr, sehr viel sich tun kann und entwickeln kann. Und ich glaube, wenn wir da jetzt jeder noch ein bisschen was draufpacken, jeder von uns und auch noch mal kooperativer sind, noch mehr helfen, die Ideen hierher zu holen, die Ideen hier zu halten, wirklich Support geben, Netzwerke öffnen und und und. Dann sind wir glaube ich echt im Vorteil gegenüber anderen Bundesländern.

Mareike Donath:
Hannes, schön, dass du hier gewesen bist beim Podcast von „digitales MV”.

Hannes Trettin:
Dankeschön.

Mareike Donath:
Vielen Dank.